Die Temperatur im Vättersee war eigentlich warm genug und tief genug ist der See auch. Aber trotz dieser guten Wasserverhältnisse geht das Fahren natürlich schneller als das Schwimmen und vor allem hatten wir ja nicht so einen schönen alten Dampfer im Gepäck. So fuhren wir halt wieder auf der N 195 weiter, bis zu ihrem Ende kurz vor Karlsborg, wo sie sich mit der N 49 von Skövde vereinigte. Unterwegs mußte ich sogar noch einmal ein Stückchen zurückfahren. Denn Ulrich und Heidrun hatten ihr Sandspielzeug im Anhänger auch während der Fahrt griffbereit und da war ein kleines Schäufelchen herausgefallen. Das machte den Ulrich so traurig, bis wir es tatsächlich wieder fanden. In Karlsborg gab es dann auch gleich einen langen Stau, weil der Götakanal die Stadt durchquert und eine bewegliche Brücke in die Straße reinbringt. Das war auch ein spannendes Erlebnis für uns alle, aber als die Brücke dann wieder passierbar wurde, dauerte es natürlich eine ganze Weile, bis man kurz danach links auf den Zeltplatz fahren konnte, weil die Schlange, die sich bei der Brücke gestaut hatte, erst vorbeidurfte.
Der Zeltplatz war, wie schon fast gewohnt, ganz toll. Ein schöner hoher Kiefernwald und natürlich nur ein paar Meter zum Strand am See. Die Badestelle war sehr gut, vor allem Heidrun kam langsam auf den Geschmack, zumal die Wassertemperatur ja durchaus schön warm war. Abends gab es mit Bernhard noch einen kleinen Spaziergang am Ufer entlang über die bewegliche Brücke. Da lag ein kleines Passagierschiff und wir überlegten uns, ob es nicht eine Idee wäre, damit einen kleinen Ausflug zu machen. Oder mit gemieteten Kanus.
Aber dann sahen wir uns am nächsten Tag doch den Ort und die Festung an. Karlsborg liegt auf einer kleinen Landenge zwischen dem Vättersee und einem kleinen See, verbunden durch einen natürlichen Flußlauf und durch den schon erwähnten Götakanal ein paar Meter daneben. Die Fahrräder hatten genau wie wir einen Ruhetag und wir liefen mit dem Anhänger als Kinderwagen zur Burg, nicht ohne eine schöne Badepause im Vättersee vor dem Mittag. Die Führung sparten wir uns und liefen selbst durch die Festung. Allerdings waren dardurch gewisse Bereiche noch heute militärisch genutzte unzugänglich, aber dafür sahen wir uns auf der kleinen Halbinsel um, wo es etwas friedfertiger zuging. Die ganze Konstruktion mit den hunderte von Metern langen Mauern, Gräben und Gebäuden war einmal im vorigen Jahrhundert für viel Geld gebaut worden, war aber dann schon fast nach der Fertigstellung überholt. Zum Glück mußte man das ja nie so genau ausprobieren.
Als wir am nächsten Tag weiterfuhren, gab es wieder sehr schöne
Stellen für die Pausen. Eine Bucht des Vättersees an einem Rastplatz
lud zum Bade ein. Sie war so beschaffen, daß man sie für einen eigenen
kleinen See halten konnte, vor allem wegen der hohen Wassertemperatur.
Die nächste Pause mußte mit einem Einkauf und deshalb einmal wieder mit einem recht langen Abstecher in eine Seitenstraße verbunden werden. Die N 49 wurde hier sehr schmal und abends kamen wir dann an die Stelle, wo sich die N 49 mit der am Ostufer des Vättersees verlaufenden N 50 vereinigt, auf der wir bei der vorigen Radtour nach Süden gefahren waren. So war uns jetzt in drei Jahren das gelungen, was bei dem großen Fahrradrennen an einem Tag klargemacht wird, die vollständige Umrundung des Vättersees.
Der Zeltplatz von Askersund war von dieser Stelle nicht mehr sehr weit
entfernt. Wir mußten aber noch einen guten Kilometer über einen
Sandweg laufen, um ihn zu erreichen. Der Aufwand lohnte sich, denn es
gab dort wieder eine sehr schöne Stelle unter Bäumen mit direktem
Zugang zum See, wo wir unser Zelt postierten. Das wurde natürlich am
nächsten Vormittag sofort ausgenutzt, diesmal nicht nur wie als
Fußgänger in Venedig, sondern gleich mit einem richtigen Boot. Man
konnte dort nämlich Kanus mieten, mitsamt Schwimmwesten. Der
Zeltplatzwart bestand auch noch gleich auf Schwimmwesten für Karin und
mich, das müsse halt so sein. Und dann ging es los. Erstaunlicherweise
ging das Boot trotz der zahlreichen Besatzung nicht unter, aber das
lag vor allem daran, daß die Fahrräder und das ganze Gepäck an Land
bleiben mußten. So wurde es eine schöne Runde, nur Heidrun verpennte
die halbe Fahrt. Dafür waren Bernhard und Ulrich umso unruhiger, so
daß es verglichen mit dem Fahrrad recht aufwendig war, die Balance zu
halten.
Gegenüber auf der anderen Seite des Sees lag der Ort Askersund. Man hatte einen wunderbaren Blick dorthin. Das wollten wir natürlich aus der Nähe sehen und so gingen wir wieder über den Rumpelweg zur Nationalstraße und fuhren auf dieser in den Ort. Da gab es erstmal warmes Mittag und danach einen kleinen Spaziergang zu einem Freilichtmuseum, wo jede Menge alte Bauernhäuser standen.
Bernhard und ich wollten danach noch unbedingt die neue Brücke über
den Hammersund begutachten. So bekam ich bei dem Abzweig des Feldwegs
das Anhängerfahrrad, denn Karin und Ulrich und Heidrun waren schon
müde. In der Tat wurde das auch Bernhards tollstes Erlebnis, denn wir
fuhren die Brücke mit 40 km/h herab, das war die Höchstgeschwindigkeit
auf der ganzen Radtour. Von der Brücke hatte man in der Tat eine tolle
Aussicht. Wir fuhren noch weiter bis zu der Stelle, wo sich diese neue
Straße mit der alten wieder traf und dann wieder zurück. Übrigens war
dies einmal ein vorbildliches Straßenbauprojekt. Die neue Straße wurde
als ganz normale Nationalstraße für alle Verkehrsteilnehmer zugelassen
und die alte wurde auch bei der Gelegenheit abgerissen. Auf der neuen
Straße fuhr es sich wesentlich angenehmer als vorher, denn sie war
breit und übersichtlich gestaltet. Anscheinend hat sich die Mode, die
man 1994 oft beobachten konnte, daß nämlich statt der Randstreifen
einfach breitere Spuren markiert wurden, wieder verflüchtigt.
Jedenfalls konnten hier Radfahrer und MIV viel besser miteinander
koexistieren, als drei Jahre zuvor in den engen Ortsdurchfahrten mit
den großen Lastzügen.
Am nächsten Tag, das war wohl ein Freitag, mußten wir uns leider so langsam daran erinnern, daß wir nur fünf Wochen Ferien haben. Da mußte die Fahrt wieder mehr in die südliche Richtung führen. Wir hatten jetzt herausgefunden, daß eine weiter westlich parallel zum Seeufer verlaufende Straße asphaltiert sein soll. Das hört man immer so, egal wie die Wirklichkeit dann aussieht. Ein kurzes Stück über die N 205, auf der wir auch schon 1994 gefahren waren, führte uns dorthin. Und diesmal stimmte es, die Straße nach Tived war wirklich im Zentimeterbereich einigermaßen glatt. Aber im Meterbereich ging es dann doch etwas anders zu, ein Hügel folgte nach dem anderen, mit ganz erheblichen Steigungen. Mit unserer Tonnage war das keine Kleinigkeit, auch wenn Bernhard langsam lernte, bergauf für Schubkraft zu sorgen.
Mittags oder eher nachmittags machten wir an einem ganz breiten Weg,
der nach links abzweigte, eine Rast und gingen dort auch ein wenig
spazieren. Man kam zu einem schönen kleinen See. Da bewegten wir uns
am Rande des Tiveden-Nationalparks. Zu dem Ort Tived, der zwar winzig
klein ist, aber doch einen sehr gut sortierten Laden und etwas
außerhalb sogar einen Zeltplatz haben sollte, war es noch ein ganzes
Stück, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Der Zeltplatz war, wie so
mancher andere auch, sehr schön an dem See Unden gelegen. Aber dieser
war noch etwas besonderes. Er muß in jedem Reiseprospekt als der
tollste Zeltplatz von ganz Schweden drinstehen, jedenfalls waren hier
fast alle Deutschen und alle Niederländer versammelt. Man hatte sogar
die Beschriftungen auf Niederländisch übersetzt.
Man kann sagen was man will, aber der See, der Sonnenuntergang über
den Inseln, das war wirklich sehr schön. Beim See gab es auch eine
Feuerstelle, wo wir etwas grillen konnten. Für die ganz harten gab
es sogar eine kleines Häuschen, in dem man innen grillen konnte. Das
war bei den sommerlichen Wetterverhältnissen dann natürlich wirklich
geeignet, um nicht nur die Mahlzeit, sondern auch gleich die Zuschauer
zu grillen. Nur die Kochgelegenheit nahm sich für die Größe
des Zeltplatzes extrem bescheiden aus, denn es gab nur eine einzige Kochplatte.
Zum Glück brachten die Leute alle ihre Gas- oder Benzinkocher mit,
so daß wir eine Chance hatten, die Platte zu benutzen. Das Feuer
hat dann nach dem Grillen eine niederländische Familie dankend von
uns übernommen, die meinten, in ihrer Heimat nirgendwo so etwas machen
zu dürfen und das deshalb hier ausnutzen wollten.
Der berühmte Tiveden-Nationalpark sollte am nächsten Tag noch
einmal durch uns beehrt werden. Wir fuhren ein Stück auf dem Weg vom
Vortag zurück und kamen zu einer Seitenstraße, die diesmal nur
angeblich durchgängig asphaltiert war, aber doch immerhin bis zu einer
sehr schönen Stelle führte, wo man gutes Eis bekommen konnte
und dann auf schönen Wanderwegen zu Fuß weiterkam. Unser Weg
führte durch ein tiefes Tal und auf der anderen Seite wieder herauf.
Abends wurde natürlich wieder etwas gegrillt und vor allem auch gebadet.
Am Unden entlang durch Wälder und etwas landwirtschaftliche Gegenden,
aber vor allem wieder über viele Hügel kamen wir Undenäs
nach, wo die N 202 uns weiterführen sollte. Die war hier so ein
kleines, kurviges und hügeliges Sträßchen, durchaus asphaltiert,
aber andererseits auch nicht besonders mit Autos gefüllt. Natürlich
kamen wir bald an den nächsten See, Viken genannt. Dort gab es sogar
eine etwas merkwürdige Badegelegenheit. Eine alte Holzbrücke
reichte ein Stück in die Fluten hinaus, darauf gab es einen großen
überdachten Raum. Ein paar Boote lagen da und ansonsten war auch eine
Wracktonne zu erkennen. Wie ich später erfuhr, gab es hier früher
eine Schiffslinie mit dieser Brücke als Anlegestelle. Aus der Zeit
war noch der große Wartesaal oder Lagerraum oder was auch immer das
war, übrig. Die Wracktonne verwies vielleicht auch auf versunkene
Teile der Anlegestelle, denn das Wrack muß ja nicht immer ein Schiff
mit Gold und Diamanten an Bord sein. Von der Brücke aus ins Wasser
zu kommen, war kein großes Problem, auch wenn ein Kopfsprung in das
unbekannte Gewässer wegen der noch am selben Tag vorgesehenen Weiterfahrt
entfallen mußte. Herauszukommen war auch nicht schwieriger, man mußte
nur geschickt an der Stelle, wo das Wrack liegen sollte, vorbeischwimmen
und zum Ufer. Natürlich wollte Heidrun auch unbedingt baden. Bernhard
und Ulrich waren weniger scharf darauf, ließen sich aber auch überreden.
Das war ja eine einmalige Gelegenheit, denn dieser Sommer war doch wirklich
so warm, daß bei den Wassertemperaturen Rekorde gemessen werden konnten.
Wir blieben dem Wasser treu, deshalb bogen wir doch bei der nächsten Abzweigung, wo es rechts auf der N 202 nach Töreboda gehen sollte, nach links ab. Durch schöne Wälder, aber dann doch auch über landwirtschaftliche Flächen kamen wir langsam aber sicher in die Nähe eines ganz speziellen Zeltplatzes. Das war direkt am Götakanal, den wir wieder auf einer kleinen beweglichen Brücke überqueren mußten. Der Zeltplatz war eigentlich in erster Linie Gästehafen für die ganze Hobbyschiffer, die hier durch den Kanal tuckerten, aber es gab auch Platz für Zelte und natürlich die ganze übliche Infrastruktur. Zwischen dem Zeltplatz und der beweglichen Brücke kam aus einem Tunnel ein kleines Bächlein heraus, das weit unter dem Kanalniveau lag. Ich habe nicht herausgefunden, ob der Tunnel das Bächlein unter dem Kanal hindurchführt oder ob es nur ein Ablauf aus dem Kanal ist. Jedenfalls konnte man in dem Kanal ganz gut baden, ohne von einem Sog nach unten erfaßt zu werden. Also war das ganze wohl doch nicht so spannend. Abends wollte Ulrich auch einmal mit dem Anhängerfahrrad fahren und wir haben noch eine ziemlich lange Runde gedreht. Dann wollte Bernhard auch nochmal, natürlich noch eine viel längere Runde, über schöne Wege. Wir waren ja eigentlich in einer ziemlich dicht besiedelten Gegend gelandet, wo es viele Straßen und Alleen zwischen den Feldern gab.