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350 Tonnenkilometer mit dem Fahrrad:
Radtour mit drei Kindern in Südschweden

Karl Brodowsky, gefahren 1997-07-04 bis 1997-08-10, geschrieben 1998

Teil 1

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Weil uns die Familienradtour 1994 so gut gefallen hat, dachten wir, daß wir (Heidrun 1, Ulrich 4, Bernhard 6, Karin [Altersangabe verweigert] und Karl [das ist der Autor dieses Textes]) wir so etwas ähnliches einfach im Sommer 1997 noch einmal machen. So wurde erstmal neues rollendes Material beschafft, vor allem zwei Fahrräder und ein Anhängerfahrrad (Hoening add+bike) für Bernhard, denn nun war unsere Familie schon etwas größer und im Anhänger (Leggero) können ja nur zwei Kinder sitzen. Da wir vergessen hatten, wieviele Stehplätze dort noch zusätzlich vorgesehen sind, beließen wir es bei den beiden Sitzplätzen für Heidrun und Ulrich. Christina brauchte noch keinen Sitzplatz, sie war zwar schon dabei, wurde aber eigentlich erst im Dezember 1997 geboren.

Verständlicherweise kommt bei so einer Radtour zu sechst ein ganz beachtliches Gesamtgewicht zusammen, was uns dazu bewog, die Radtour vorsichtshalber nicht in der Schweiz zu machen, wo eine Beschränkung von nur 28 Tonnen besteht, sondern lieber in Schweden, wo auch 60 Tonnen noch zulässig sind.

Weil Ulrich noch nicht in die Schule geht, brachte ich ihn vorher für eine Woche zu meinen Eltern nach Kiel und nahm bei der Gelegenheit auch gleich noch mein Fahrrad und den Anhänger und ein bißchen anderen Kleinkram mit. Ich kann mich nicht mehr so gut an die Nacht erinnern, also haben Ulrich und ich im Schlafwagen wohl recht gut geschlafen, und nicht so schlimme Alpträume gehabt. Danach kam für uns noch einmal eine normale Arbeits- und Schulwoche in Schaffhausen.

Am Nachmittag des letzten Schultags nahmen wir dann alle außer Ulrich ein paar Eilzüge in Anspruch, um nach Stuttgart zu kommen. Dabei wurde in Singen so ganz nebenbei beim Umsteigen noch das eine Fahrrad vom Händler abgeholt, der ja noch die Speichen nachzentrieren sollte. Von Stuttgart nach Hamburg gab es einen Schlafwagen. Das funktioniert am Anfang der Reise auch ganz gut, weil man die Nacht davor ja packen mußte und am Tag davor in kürzester Zeit die ganze Arbeit erledigt werden mußte, um den Aufbruch zur passenden Zeit zu ermöglichen. Da waren wir alle müde genug, um gut zu schlafen, wenigstens die Eltern.

In Kiel wurde dann alles einigermaßen gut verpackt. So gab es vordere Packtaschen, hintere Packtaschen, Packtaschen am Anhängerfahrrad, hinten jeweils noch mehr oder weniger dicke Bündel drauf, in den Anhänger etwas rein. Natürlich erhielt wieder jede Packtasche einen Buchstaben, denn in der großen Sammlung hätte man sonst gar nichts mehr gefunden. Als es dann Zeit wurde, zur Fähre zu fahren, war noch eine ganze Menge übrig, was dann nachher immerhin noch ein kleiner Rucksack, war, den ich erstmal für den Weg zur Fähre aufschnallen mußte. Aber an Bord wollten wir das ja noch alles in Ordnung bringen, denn weiter als das Stückchen durch Kiel wollte ich auf gar keinen Fall mit einem Rucksack auf dem Rücken fahren. Das könnte sonst ja in Streß ausarten. Was war nachher die Lösung? Auf meinem Fahrrad war dann auf den hinteren Packtaschen ein dicker Rucksack und darüber noch ein großer Ortliebsack für vier Schlafsäcke. Außerdem gab es noch vordere Packtaschen und darauf noch einen kleinen Rucksack, was zusammen schon einmal 50 kg waren, insbesondere nach Einkäufen, wenn noch oben auf dem Ortliebsack ein paar Kleinigkeiten festgeschnallt werden mußten. Der Anhänger wog mit den Kindern und dem vollen Gepäck auch bis zu 70 kg, so daß ich, je nachdem wie lange der letzte Einkauf zurücklag, zwischen 210 und 220 kg Gesamtgewicht für mein Gespann hatte. Karin hatte zusammen mit dem Anhängerfahrrad auch noch einmal 130-140 kg für ihr Gespann. Aber Bernhard sollte ja mittreten und dadurch ordentlich helfen, wenigstens bergauf. Mindestens die ersten drei Höhenmeter konnte man darauf auch zählen. Die Kunst bestand also darin, seinen Beitrag möglichst dann anzufordern, wenn es wegen der Steigung am dringendsten nötig war. Das lernt man im Laufe der Zeit, spätestens am Ende der Radtour.

So ging die Radtour dann wirklich an einem Sonntag im Göteborger Hafen morgens um 8:00 los, mit ordentlich verschnürtem Gepäck, mit Zöllnern, die zu unserem Glück nicht ausgerechnet auf die Idee kamen, unsere untersten Gepäckstücke zu inspizieren und mit Göteborger Stadtverkehr. Gleich beim Hafen gab es eine vierspurige kreuzungsfreie Straße, die (sogar völlig legal) in unsere Richtung führte. Wir hatten uns ja in dem Zeltplatzverzeichnis angesehen, wo man hinfahren muß, um eine kurze Tagesetappe für den Anfang zu haben. Unglücklicherweise war das nicht an der N 45 zu haben, die sonst nach meiner Meinung immer noch die beste Wahl ist, um aus Göteborg herauszukommen, sondern auf der E 20 (alt: E 3) in Richtung Stockholm. Aber in die Richtung gibt es anscheinend sogar zwei Nationalstraßen, auf jeder Seite des Tals eine, die parallel zu der Motorstraße (motorway) A 20 (alt A 3) verlaufen. Wir nahmen die nördliche, was den Vorteil hat, daß man diese wegen schlechter Kennzeichnung kaum finden kann. Das ist eben immer noch ein Vorteil gegenüber der südlichen Route, die noch viel schwieriger zu erkennen ist.

Die vier- und sechsspurigen Abschnitte in Göteborg fanden wir am Sonntag früh um 8:30 einigermaßen leer vor, so daß es recht angenehm zu fahren war. Die ersten paar Pausen gab es noch in Göteborg, am Straßenrand auf kleinen Wiesen. Das hat nicht so viel zu sagen, weil in Schweden die Eingemeindungen kilometerweit ins Umland reichen. Aber dann kamen wir an eine sehr schöne Stelle. Man konnte ein Stück am Ufer eines kleinen Sees entlanglaufen und zu einem sehr schönen Strand kommen. Weil das mit dem See so schön war und weil wir uns am Anfang ja noch ein wenig an die schweren Gespanne gewöhnen mußten, gingen wir schon bald danach in Lerum, das irgendwo zwischen Göteborg und Alingsås an einem Seen einen Zeltplatz hat, erstmal für zwei Nächte vor Anker.

Übrigens habe ich die Bilder hier nur als kleine Icons eingebaut. Wenn's Euch interessiert, könnt Ihr darauf klicken. Mit Netscape kommt dann ein neues Fenster, in dem ab dann alle Bilder in etwas größerem Format angezeigt werden. Das ist meine Art Frames zu benutzen, ich lasse Euch die Freiheit der Anordnung auf dem Bildschirm.

Lerum Wenn wir schon am Sonntag gefahren waren, um den Staus zu entgehen, dann machten wir dafür am Montag dafür erstmal blau. Natürlich gab es auf dem Zeltplatz auch einen Spielplatz, wo Heidrun sofort herumkletterte und das ihren Brüdern auch bei der Gelegenheit zeigte. Eine kleine Fahrt in die Stadt zum Einkaufen und eine etwas längere Fahrt mit Bernhard, bei der das Anhängerfahrrad an mein Fahrrad kam, mußten dann auch noch sein.

Am Dienstag wollten wir wieder weiterfahren. Irgendeine Richtung mußten wir dabei ja einschlagen und dabei hatten wir plötzlich keine Lust mehr, der E 20 (alt: E 3) weiter in Richtung Alingsås und Stockholm zu folgen. So verließen wir diese und fuhren über einen für unsere Gewichtsklasse ziemlich hohen Bergrücken nach Süden weiter. Weil wir vergessen hatten, auch noch Schaufel und Spaten mitzunehmen, konnten wir uns keinen Einschnitt graben und so wurde dieses Stück ganz schön anstrengend. Auf der anderen Seite kam tatsächlich irgendwann die N 40 Göteborg - Borås zum Vorschein, wenn auch ohne Kennzeichnung. Aber das hat man ja im Auge, wenn man nur ein Auto anhält und die Insassen nach dem Weg fragt.

Mit vielen Kurven, aber doch etwas flacher als der vorige Abschnitt, kamen wir erstmal nach Hindås. Dort gab es ein schönes Mittag, eigentlich eher ein Nachmittag, aber so kann man das auch wieder nicht sagen. Das war in einer Pizzeria, die von Arabern bedient wurde. So wissen wir jetzt immer noch nicht so ganz genau, ob wir an jenem Tag nun arabisch, schwedisch oder italienisch gegessen haben. Vielleicht auch Esparanto? Jedenfalls fanden wir danach erstaunlicherweise doch noch die N 40 nach Osten, obwohl sie wiederum im Gegensatz zur parallel verlaufenden A 40 gar nicht gekennzeichnet war. Die Landschaft war hauptsächlich Wald, aber jetzt kamen auch einmal ein paar Felder und witzigerweise eine sehr hohe und lange Brücke über ein winziges Bächlein. Ob das einmal zu einem für Hochseeschiffe geeigneten Fahrwasser ausgebaut werden soll?

Kurz vor Borås (gesprochen ungefähr "Buroos"), eigentlich schon in Borås, denn da ist ja ein riesiger Umkreis eingemeindet, waren wir dann plötzlich sehr müde. Es gab in dem Örtchen Sandared einen ganz witzigen Zeltplatz mit richtig familiärer Atmosphäre. Diese familiäre Atmosphäre hatten wir ja eigentlich sowieso auf der ganzen Radtour jede Nacht in unserem Zelt, aber diesmal gab es das halt auch außerhalb. Eigentlich war das ein Sportplatz, aber während der Sommerferien konnte die Fläche auch für Zelte und Anhänger benutzt werden. Duschen gab es sowieso und eine Kochgelegenheit und natürlich eine Waschmaschine hatte man dann eben extra für den alljährlichen Sommer auch noch spendiert. Nur die Badestelle am See fehlte, die war ein paar Kilometer weit weg. Wie schon in Lerum, so stellte es sich auch hier heraus, daß wir immer noch alle zusammen in unser Zelt paßten, obwohl ja seit der Familienradtour von 1994 zwar eine kleine Heidrun dazugekommen ist, aber eigentlich der Platzbedarf für einen nicht ganz so kleinen Bernhard zusätzlich entstanden ist. Wir lösten das Problem aber dadurch, daß wir nachts fast alle Packtaschen auf den Fahrrädern ließen und nur die nötigsten Dinge wie Kameras, Laptops, Schlafsäcke, Schlafanzug und ein paar Windeln ins Zelt nahmen. Jede Menge Kram konnte ja auch einfach in den Anhänger gestapelt werden, der üblicherweise nachts ganz ausgefüllt war und sich gerade noch gegen Regen mit dem Verdeck schließen ließ.

Borås Für den nächsten Tag nahmen wir uns einen kleinen Ausflug nach Borås vor, das ja einen sehr schönen Zoo haben soll. Da wurden wir auch nicht enttäuscht. Es gab am Eingang einen kleinen Handwagen, in dem sich Heidrun erstmal ausbreiten konnte. Die ganze Anlage war so großzügig angelegt, daß die Tiere richtig Platz hatten. Als Heidrun noch wach war, nannte sie alle Tiere je nach Größe entweder "Hund" oder "Zer" (Pferd). In einem Teil des Zoos konnte man sich sogar zwischen den Tieren bewegen. Bernhard war etwas enttäuscht, weil wir es an einem Nachmittag nicht schaffen konnten, den ganzen Zoo zu sehen.

So mußten wir am nächsten Tag noch einmal in die Stadt fahren, um erst einmal das Freilichtmuseum und dann den Rest des Zoos zu sehen. Deshalb kannten wir den Weg schon so langsam und den Zeltplatz auch. Auf dem Zeltplatz hätte man sogar kostenlos Minigolf spielen können. Normalerweise muß man dafür bei den meisten anderen Zeltplätzen etwas bezahlen, aber ich habe in Schweden eigentlich keinen Zeltplatz ohne Minigolfanlage gesehen. Nur waren die Kinder abends doch immer müde, und wir auch, wenn wir es geschafft hatten, daß sie alle ins Zelt gegangen waren und schliefen. Heidrun und Ulrich konnten ja als Anhängerinsassen sich durch Tagesschlaf fit halten, aber Bernhard mußte sich zum Schlafen auf die nächtlichen Stunden beschränken. Irgendwann hatten wir aber heraus, in welcher Reihenfolge wir die Kinder ins Zelt stecken mußten, damit das alles einigermaßen vernünftig ging.

Am Freitag machten wir uns dann auf den Weg nach Osten, erstmal zum fünften Mal über die Straße von Sandared nach Borås. Nach einer kleinen Pause in der Stadt fuhren wir dann nach Osten wieder heraus, erst auf der N 40 und dann, als diese plötzlich endete und sich mit der A 40 vereinigte, auf der A 40 bis zum Ende der Motorstraße , kurz hinter Borås. Da konnte man dann in der Nähe einer kleinen Wiese neben einem Feldweg, der von einer Seitenstraße abzweigte, eine Pause ohne zu viel Lärm und zu viele Autos zwischen den Brotkrümmeln machen. Nun gab es Freitagnachmittagsverkehr auf der N 40. Vom Fahren ging das aber trotzdem sehr gut, weil man eine sehr breite Fahrbahn mit breiten Radstreifen hatte, die problemlos genügend Platz für alle ließ, auch wenn uns bei Gegenverkehr ein 60-Tonner überholte. Auf diesem Abschnitt kamen wir auch einigermaßen gut voran, was wichtig war, weil die Entfernung zum nächstgelegenen Zeltplatz für unsere Möglichkeiten nicht zu weit, aber auch erst recht nicht zu nah war. Umwege oder extrem hügelige Strecken hätten uns wohl noch Schwierigkeiten gemacht. Kurz vor Ulricehamn gab es dann doch eine höher gelegene Teilstrecke mit einer Abfahrt in das Tal, wo der Ort lag. Das ist übrigens durch Eingemeindungen der Nachbarort von Borås, wie es auch auf der ganzen Radtour meistens auf einer Tagesetappe nur für die Fahrt in die Nachbargemeinde reichte. Nur war das eben trotzdem weit. Und alleine habe ich es 1987 ja teilweise nicht einmal geschafft, in die Nachbargemeinde zu fahren, sondern in Kiruna an drei verschiedenen Stellen übernachtet.

Ulricehamn In Ulricehamn (gesprochen ungefähr wie "Ülrißehamn") lag der Zeltplatz ganz nah an der Abfahrt von der N 40, so daß wir uns Sorgen machten, es könnte vielleicht nachts zu laut werden. Irgendwie haben wir das aber doch einigermaßen gut ausgehalten, weil doch noch ein paar Sträucher und Bäume zwischen der Ecke des Zeltplatzes, wo wir unser Zelt nachher aufbauten und der Straße standen. Hier gab es jetzt wieder einen sehr schönen See direkt am Zeltplatz, wo man natürlich mehrmals täglich schwimmen konnte. Der nächste Tag wurde wieder ein Ruhetag, an dem wir ein bißchen Ulricehamn sahen, die Bademöglichkeit nutzen und vielleicht noch ein paar Spaziergänge machten.

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