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350 Tonnenkilometer mit dem Fahrrad:
Radtour mit drei Kindern in Südschweden

Karl Brodowsky, gefahren 1997-07-04 bis 1997-08-10, geschrieben 1998

Teil 2

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Für den folgenden Tag sahen wir uns wieder an, in welcher Richtung erreichbare Zeltplätze lagen. Man darf ja auch im Wald zelten, aber das geht dann immer nur für eine Nacht und wenn man die Sache am Anfang etwas gemütlicher angehen läßt, dann sind die Ruhetage immer ganz praktisch. So suchte das Zeltplatzverzeichnis für uns aus, daß es am Sonntag wieder auf der N 40 in Richtung der Nachbargemeinde Jönköping ging, ja sogar aus dem Gemeindegebiet von Ulricehamn heraus und bis in das Gemeindegebiet von Jönköping hinein. Zunächst einmal gab es da aber einen sehr großen Höhenunterschied zu überwinden. Das Tal, in dem der See bei Ulricehamn und auch die Stadt lag, mußten wir verlassen und dann auf einer Hochebene weiterfahren. Trotz Anhänger war ich jetzt noch ein bißchen schneller als Karin. Etwa an der Stelle, wo ich mit leicht übersteigertem Optimismus glaubte, die Mitte der Steigung zu haben, stellte ich erstmal mein Fahrrad mit dem Anhänger ab und fuhr Karins Fahrrad mit Bernhard auf dem Anhängerfahrrad den Berg hoch. Karin meinte noch, ich würde sie ja schnell wieder einholen, aber das dauerte dann doch fast eine Stunde. Und so schnell ging es ja auch nur, weil Karin und Bernhard schon eine Pause machten.

Diese Strecke war jetzt weitgehend für 110 zugelassen, was sich durch einen stark erhöhten Radau bemerkbar machte. Ansonsten konnte man da wieder sehr gut fahren. Nach der Steigung gab es nur noch kleinere Hügel und schöne Moore am Straßenrand. Etwa 20 Kilometer vor Jönköping vereinigte sich die N 40 mit der N 26 von Halmstad, so daß es auf den letzten 10 Kilometern noch etwas voller wurde. Aber wir wollten ja gar nicht mehr so weit fahren. 10 Kilometer vor dem eigentlichen Ort Jönköping bogen wir nach links ab und fuhren auf einer kleinen Parallelstraße wieder einen Kilometer zurück und noch ein gutes Stück in den Wald herein. Da gab es einen ganz kleinen See mit einem schönen Zeltplatz und einem schönen Eisladen. Das war in Axamo, ein winziger Ort, der aber doch eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, weil nach ihm ein ganz kleiner Flughafen benannt ist. Zum Glück war da nicht viel los, auch nicht nachts. Um den See konnte man ein einer Stunde einmal herumgehen. Vor allem war er aber sehr warm, vielleicht 24 Grad, so daß man wirklich gut baden konnte.

Heidrun im Moor Es gab hier noch etwas ganz interessantes, nämlich ein sehr großes Moor, das man auf einem schmalen hölzernen Pfad durchqueren konnte. Ein bißchen schwierig war es ja schon, den Anfang dieses Pfades zu finden. Vom Zeltplatz durch den Wald gab es zunächst einmal beleuchtete Wanderwege. Dann mußte man über die N 40/N 26 drüber. Die hatte natürlich wegen der Elche und wegen der Zulassung für 110 km/h beidseitige Zäune, die man nur an wenigen Stellen durchqueren konnte. Die Durchquerungsmöglichkeiten lagen dann natürlich auch noch nicht einmal genau gegenüber, sondern ein paar hundert Meter versetzt. Und dann gab es auf der anderen Seite wieder jede Menge Waldwege, die in alle möglichen Richtungen führten. Aber auf einem davon konnten wir wirklich zu dem sagenhaften Holzpfad gelangen und dann stundenlang durch das Moor wandern. Die Wege hatten die Form einer riesigen Brille, zwei große Kreise und in der Mitte ein Verbindungsstück. Wir marschierten auf dem nördlichen Kreis einmal herum und kamen dabei natürlich auch durch matschige Abschnitte ohne Holzpfad am Rand des Moors, wo auch einmal wieder etwas Wald zu finden war.

Am Dienstag wurde es noch ein ruhigerer Ruhetag, jedenfalls für die Kinder und mich. Karin fuhr in die Stadt (Jönköping) zum Einkaufen, denn Axamo hatte keinen Laden. Bernhard und Ulrich wollten natürlich tolle Sachen am Strand bauen, wozu sie dann auch mich noch einspannen mußten.

Am Mittwoch war ich dann an der Reihe zum Einkaufen in der Stadt. Den Vogel schoß dort übrigens eine Konstruktion ab, wo eine Straße in eine Motorstraße (motorway) überging und die an der Stelle abzweigende Straße nur für Linienbusse und Fußgänger freigegeben war, was durch tiefe Gruben zwischen den zwei Streifen für die Reifen der Busse noch unterstrichen wurde. Aber das ist eben Jönköping.

Kinderanhänger Nach dem Einkauf wollten wir dann noch den anderen Teil des Moores sehen, der im Süden lag. Dazu konnte man zum Flugplatz fahren und dann von dort aus durch den Wald zum Moor laufen, wieder über die schmalen Wege zu der Stelle, wo wir beim ersten Moorbesuch umgekehrt waren. Das südliche Auge der Brille war hier für ein recht langes Stück etwas breiter ausgebaut, um auch Rollstuhlfahrern und Eltern mit Kinderwagen Zugang zu diesem Naturerlebnis zu geben. Südlich des Moores gab es dann eine ehemalige Eisenbahnstrecke und dann von dieser abzweigend wieder so einen kleinen Weg, der nach Norden zu den Fahrrädern zurück führte. Das war auch noch sehr schön, es ging eher durch Wald, aber dann auch durch Sumpfgebiete und wieder über felsige Abschnitte. Zum Teil mußte man gut balancieren, weil zu beiden Seiten des Holzbrettes richtig Wasser war.

Taberg Eigentlich hätten wir am Donnerstag ja endlich weiterfahren können, aber jetzt dachten wir, daß der Taberg vielleicht doch in Reichweite für einen Tagesausflug liegen könnte. Das war vielleicht 15 Kilometer südlich von Axamo ein kleiner Berg, der aber sehr alt und sehr interessant sein sollte. Immerhin war es auch ein sehr schöner Weg dorthin, recht hügelig natürlich. Wir beschlossen nach einem schönen arabisch-schwedisch-italienischen Pizzaessen endlich, daß wir da lieber heraufklettern als herauffahren. Beim Abstieg wählten wir dann einen etwas anderen Weg und kamen schließlich an alten Bergwerksschächten vorbei. Da wurde angegeben, daß es Führungen durch die Bergwerke geben sollte. Dazu war es ja eigentlich schon sehr spät, aber man gönnt sich ja sonst nichts. In der guten halben Stunde, die wir noch auf das Bergwerk warten mußten, holte ich schnell noch ein paar Eßsachen von den Fahrrädern und auch etwas zu trinken und wärmere Kleidung. Diese dunklen Schächte können am abend ohne das volle Sonnenlicht nämlich verdammt kalt werden.

Anscheinend ist dieser Berg schon uralt, jedenfalls viel älter als die Alpen, die es doch immerhin auch schon mindestens seit dem Bestehen der doch recht traditionsreichen Schweiz gibt. Und in den 1.2 Milliarden Jahren wird so ein Berg dann auch kleiner, so klein, daß der Rest dann sogar von uns bestiegen werden konnte. Aber diese Verkleinerung hatte sich dann doch stark beschleunigt. Denn der Berg besteht aus einem besonderen Eisenerz, das noch vor dem Bekanntwerden der Vorkommen in Kiruna abgebaut wurde und das sich bald den Ruf erwarb, für besonders gutes Eisen garantieren, besonders auch für militärischen Bedarf geeignet. Im zweiten Weltkrieg wurde dann auch der Abbau wieder stark forciert, aber natürlich nicht für Waffenproduktion, sondern nur um Versuche zu machen und dieses interessante Material wissenschaftlich zu erforschen. In so großen Mengen, daß ein großer Teil des Berges dabei verschwand. Später wußte man dann genauer, daß die hohen Vanadiumanteile des Erzes sozusagen von Haus aus schon das lieferten, was man sonst erst durch Zufügen von Stahlveredlern erreichen konnte. Eine Firma wollte den ganzen Berg abtragen, das Vanadium extrahieren und den Rest wieder aufschütten. Dann gab es aber auch Einheimische, die ihren Berg als Naturwunder erhalten wissen wollten. Die gründeten einen Verein und als dann die Vanadiumpreise einmal im Keller waren, kauften sie den ganzen Berg und finanzieren sich jetzt durch solche Führungen, also dann wohl auch durch unseren Beitrag und wahrscheinlich auch durch Spenden. So verschwanden auch wir in dem dunklen Schacht. Den Kindern gefiel das auch gut, wahrscheinlich werden sie sich noch in vielen Jahren daran erinnern. Nur Heidrun wollte nach einer Weile natürlich immer wieder den Helm ausziehen, den man ihr dort verpaßt hatte.

Auf dem Weg zurück wurde es nun trotz der sommerlichen Jahreszeit und der nördlichen Lage schon langsam dunkel, so daß wir sogar die Lichtanlage brauchten. Aber der Ausflug hatte sich gelohnt. Und 1985 hatte ich doch ganz in der Nähe des Berges übernachtet und davon gar nichts gesehen.

Nun wollten wir uns wieder in Richtung Norden wenden. Nachdem wir 1994 auf der Familienradtour das Ostufer des Vättersees erkundet hatten beschlossen wir, daß diesmal das Westufer einmal an der Reihe sein sollte. Auf der N 195, die zufällig gerade bei Axamo ihren Anfang nahm, fuhren wir also schön nach Norden, immer am Ufer des Sees entlang, aber natürlich nicht immer so sehr am Ufer, daß man durch die Bäume tatsächlich Wasser sehen konnte. Wieder reichte es, um in die Nachbargemeinde Habo zu kommen, nur war es diesmal nichts mit Zeltplätzen und Geldausgeben für die Übernachtung. Wir bauten einfach im Wald das Zelt auf. Das war natürlich wieder nicht ganz einfach, denn wir mußten ja eine Stelle finden, wo genug Platz für das Zelt ist und wo keine schweren blätterlosen Äste darüber hängen. Da mußten die Kinder dann aussteigen, weil das an einem Waldweg recht weit weg von der Straße so eine Stelle gab, wie Erkundungen zu Fuß ergaben. Ich mußte also nur die Fahrräder noch hinterherholen, und dann konnten wir die Zelte aufbauen. Milch hatten wir mittags in einem kleinen Ort gekauft, aber zum Aufwärmen gab es unter den Bäumen keine Mikrowelle und nicht einmal einen Herd. Aber im Gepäck war dann doch noch so ein Esbitkocher, der für warme Milch und ein bißchen Kaffee am nächsten Morgen ganz gute Dienste leistete.

Es ist tatsächlich manchmal erlaubt, für eine Nacht im Wald zu zelten, wenn man gewisse Spielregeln dabei beachtet. Für die, denen es auf schwedisch zu schwer fällt, das alles zu lesen, kann man das etwa so verstehen: Man darf höchstens eine Nacht im Wald zelten, wenn das nicht ein Garten, ein Acker, ein Verkehrsweg, ein Gelände in Sichtweite eines Hauses oder Nähe (100 m) eines Hauses, ein Naturschutzgebiet oder ein Militärgebiet ist. Feuer darf man im Sommer (normalerweise) nicht machen, wegen der Waldbrandgefahr. Mit Autos im Gelände herumfahren auch nicht, von daher gilt diese Sache sowieso fast nur für Radfahrer und Wanderer. Auto- und Motorradfahrer können zumindest südlich des Polarkreises noch bis zum nächsten oder übernächsten Zeltplatz weiterfahren. Das Jedermannsrecht (oder Allemansrätten, siehe auch  2 ) umfaßt noch viel mehr Dinge, auf die ich hier aber nicht näher eingehe. Wichtig ist es einfach, daß man behutsam damit umgeht, diese Möglichkeit nicht mißbraucht. Dann bleibt das für diejenigen Gelegenheiten, wo es sinnvoll oder fast unvermeidlich ist, im Wald zu zelten, erhalten. Erstaunlicherweise kennt in Schweden auch jeder dieses sogenannte Allemansrätten ganz genau. In den meisten anderen Ländern, einschließlich Deutschland, kennt kein Einheimischer die Regeln so gut und es gibt fast nur Vermutungen. Wie kann es anders sein: In Deutschland hängt die Regelung vom Bundesland ab, in der Schweiz vom Kanton.

Vättersee Am nächsten Tag, wahrscheinlich war das ein Samstag, kam das nächste Viertel des Westufers unter die Räder. Wir konnten bei einer leicht erhöht liegenden schönen alten Holzkirche in der Nähe der Straße eine Pause machen. Von da hatten wir auch gleich noch einen guten Blick auf den See und das gegenüberliegende Ufer. Am Abend kamen wir in das kleine Städtchen Hjo mit einem großen Zeltplatz direkt am Ufer. Da gab es an dem nun folgenden Ruhetag erstaunlich viel zu sehen. Am Ufer konnte man durch einen sehr schönen kleinen Park bis zum Hafen und in die Stadt gehen. Es gab sogar eine kleine Stadtrundfahrt, in so einem Spielzeugzug mit Gummireifen, ein Museum mit Aquarium, wo die Tiere des Vättersees zu sehen waren, ein Freibad und natürlich vor allem einen Hafen.

Im Hafen lag so ein alter Dampfer, der früher regelmäßig für den Verkehr auf dem See eingesetzt wurde. Heute wird er von einem Verein flott gehalten. Die fahren damit ab und zu nach Visingsö, einer Insel auf dem Vättersee, und natürlich einmal im Jahr nach Stockholm oder Göteborg. Schwierig ist das nur, weil man anscheinend seit dem Untergang der Estonia jedes Jahr sehr viel Geld braucht, um das Schiff überprüfen zu lassen. Einen Kapitän zu finden, ist dagegen nicht so schwierig. So mancher richtige Käpt'n findet seinen Spaß daran, in den Ferien einmal wieder ein richtig schönes altes Schiff zu kommandieren. Den Rest der Mannschaft bringt man ja mit örtlichen Vereinsmitgliedern und Freunden zusammen, denn darunter befinden sich doch einige echte Seeleute mit den notwendigen Patenten und Ausbildungen. Der Steuermann erzählte uns das alles, als wir an Bord einen kleinen Rundgang machten.

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