Nach einer Pause im Jahr 1998 war jetzt unsere jüngste Tochter Christina alt genug, daß wir wieder eine richtige Fahrradtour in Erwägung zogen. Eigentlich können Bernhard und Ulrich schon selber Fahrrad fahren, aber das wollten wir noch nicht so direkt ausnutzen. So wurde noch ein kleines Tandem (Santana Vision) angeschafft, auf dem ich mit Bernhard (8) als Stoker und mit Heidrun (3) und Christina (1) im Anhänger fuhr. Karin hatte Ulrich (6) auf dem Anhängerfahrrad als Begleiter. Das hatten wir schon auf der einen oder anderen Wochenendtour ausprobiert.
Irgendwie mußte das ganze Rollmaterial und noch diverser Kleinkram nach Kiel geschafft werden, wo wir am Samstag (1999-07-10) nach einer kleinen Fahrt im Nachtzug von Schaffhausen ankamen und abends an Bord der Stena-Fähre nach Göteborg gingen. Mit dem Gepäck und uns selbst wog das Tandemgespann ca. 280 kg und Karins Gespann ca. 170 kg, was natürlich je nach Wasser- und Lebensmittelvorräten immer wieder gewissen Schwankungen unterworfen war. Wer Lust hat, kann einmal mit bikepwr ein bißchen herumrechnen, was das für Steigungen bedeutet. Wir brauchten ja jetzt schon zwei Zelte, sechs Schlafsäcke, 12 Liter Wasser und eine ganze Menge anderes Gepäck. Aufgrund unserer vorher gesammelten Erfahrungen war uns natürlich die eine oder andere Reduzierung des Gepäcks gelungen, so daß sich auch diesmal wieder irgendwie alles verstauen ließ. Dabei hatten wir gegenüber der Radtour vor zwei Jahren nichts an Stauraum dazugewonnen, aber hatten trotzdem für eine Person mehr zu packen. Auch ein Tandem bietet nur zwei Gepäckträger.
Um durch unsere Sammlung von 10 Packtaschen, drei Ortliebsäcke, drei Rucksäcken durchzusteigen, wurden in bewährter Weise wieder die Packtaschen mit Buchstaben bezeichnet und die Säcke mit Tiernamen (Elch, Biber, Hamster, Bär,...). Die 8 großen Packtaschen konnten wir vorne und hinten bei unseren Fahrrädern unterbringen, die beiden kleinen noch am Anhängerfahrrad. Die kleineren und größeren Säcke wurden auf die verschiedenen Gepäckträger verteilt, wobei wir wieder auf meinem hinteren Gepäckträger einen kleinen Turm aus den beiden größten Säcken bauen mußten. Ein gewisser Aufwand für das Verstauen und Befestigen des Gepäcks mit Spanngummis blieb da nicht aus und wir hätten vermutlich bei ernsthaften Pannen einfach das Fahrrad mitsamt dem Gepäck umgedreht, um die Reparatur zu machen. Zum Glück reichte die Tragfähigkeit der Stena-Fähre aus, um uns noch mitzunehmen, obwohl mein Gespann irgendwas gewogen haben dürfte und Karins Gespann auch noch einmal etwas dazubrachte. Details darüber, wie sich diese Gewichte auf Fahrräder, Gepäck und Personen verteilte, lasse ich hier aus Platzgründen weg.
Nach so vielen Fahrten gewöhnt man sich doch an die Schiffsfahrt, jedenfalls schliefen wir einigermaßen gut und machten uns an einem sonnigen Sonntagmorgen auf den langen Weg vom Schiff auf die Straße. Abgesehen davon, daß wir uns noch an das Gepäck gewöhnen mußten, war es natürlich eine Kleinigkeit, einfach am Götaälv und auf der N 45/E 6 aus der Stadt herauszufahren. Wir hatten absichtlich einen Sonntag hierfür bevorzugt, denn die Hauptverkehrszeit an einem Werktag läßt einen doch schnell vergessen, daß man in einem etwas dünner besiedelten Land unterwegs ist. Tatsächlich ist die Bevölkerungsdichte von Schweden ja auch nicht so viel niedriger als die durchschnittliche Bevölkerungsdichte der gesamten Landfläche der Erde.
Jedenfalls fanden wir ohne nennenswerte Verzögerungen und ohne
Sucherei den richtigen Weg und wir waren auch schon fast aus dem
vierspurigen Abschnitt heraus, als sich eine einigermaßen gemütliche
Stelle für eine Pause fand. Das sollte doch immer wieder gewisse
Schwierigkeiten bereiten, weil die Fahrräder immer ein Geländer, eine
Leitplanke, einen Baum oder so etwas zum Abstellen brauchten. Und
zwischen der Straße und den Bäumen war fast immer ein unüberwindbarer
Graben oder Geländestreifen. Aber bei dieser Pause gab es einen
Radweg, der durch eine Leitplanke von der Fahrbahn abgetrennt war.
Natürlich fuhren wir nachher auf der Fahrbahn und nicht auf dem Radweg
weiter, denn diese unbekannten Radwege, insbesondere auch dieser,
neigen halt stark dazu irgendwann in die falsche Richtung abzubiegen.
Die nächste Pause war beim Rastplatz von Lilla Edet, den wir schon bei den beiden Radtouren 1994 und 1997 benutzt hatten. Danach schafften wir es noch bis Trollhättan, wo wir unter Mißachtung von ein paar Schildern mit rot umkreisten Fahrrädern auch mühelos den Weg zum Zeltplatz fanden, ohne uns mit den für Tandems und Anhänger nicht geeigneten Radwegen herumärgern zu müssen. Mit zwei Kindern und auch mit drei Kindern hatte ein Zelt genügt, aber diesmal mußten wir ein zweites Zelt mitnehmen. Das war baugleich mit dem ersten Zelt. Zum Glück mußten wir mit etwas Verhandlung niemals wirklich doppelt zahlen. Meistens gab es für das zweite Zelt eine Ermäßgigung.
Natürlich bot es sich an, in Trollhättan noch ein bißchen länger zu
bleiben. Am Montag machten wir einen Ausflug in Richtung Vänersnäs,
wo es einen sehr schönen Strand gibt. Und am Dienstag sahen wir uns
den Hunneberg von oben an. Hunneberg und Halleberg sind angeblich die
Gegenden von Europa mit der höchsten Elchdichte und die Angestellte
der Rezeption meinte noch, auf dem Hunneberg sei für sie die schönste
Stelle der Welt. Die Auffahrt war wirklich recht steil, vielleicht
noch ein bißchen zu steil für den Anfang. Aber oben gab es eine recht
große Hochebene, wo wir einen längeren Spaziergang machten. In einem
kleinen See konnte man baden und auch sonst gab es eine Menge zu
sehen, nur die Elche hatten gerade eine etwas längere Mittagspause.
Am Mittwoch war ein kleiner Zeltplatzwechsel fällig. Zum Glück hatten wir herausgefunden, wie man vom Zeltplatz aus den Weg aus der Stadt heraus findet und wir fuhren ein Stück durch die Innenstadt und dann auf der N 45 über den Götaälv, den Båbergkreisel und in ziemlich großem Abstand an Vänersborg vorbei. Das Wetter war nicht so toll und so aßen wir ein warmes Mittagessen in dem Restaurant einer Tankstelle, als es gerade sowieso besonders stark regnete. Aber unsere Regenkleidung wurde jedenfalls gebraucht. Heidrun wollte natürlich trotzdem, daß wir das Verdeck vom Anhänger offen lassen, aber die beiden Mädchen schliefen auch oft im Anhänger und dann war das egal.
In Mellerud lag der Zeltplatz doch erstaunlich weit weg von der
Straße. Wir kamen dann aber doch zum Viersterneplatz mit
Viersternepersonal. Und die trugen natürlich auch T-Shirts mit den
vier Sternen drauf. Unsere Parzelle war ganz weit hinten und wir
mußten das Stück auch noch schieben, weil das ein Sandweg war. Aber
die Parzelle hatte einen Stromanschluß, der sich dafür eignete, die
Fahrräder abzustellen. Und sie bot genug Platz für unsere beiden
Zelte. Eine Badestelle gab es auch. Und wir waren jetzt in Dalsland.
Die tollste Sache in Dalsland ist ja der Aquädukt von Håverud. Der
lag in Reichweite für einen kleinen Ausflug am Donnerstag. Der
Dalslandkanal, der eher für Boote als für Schiffe geeignet ist, hat
dort eine kleine Schleusentreppe, in deren Mitte er mit einer Brücke
die Stromschnellen überquert, deren Höhenunterschied dort überwunden
werden muß. Anders ließ sich das damals räumlich nicht unterbringen.
Als nächstes Ziel für den Freitag erschien uns Åmål ein bißchen zu nah, auch wenn wir zu dieser Zeit noch nicht aus dem Kino wußten, daß das angeblich die ödeste Stadt in Schweden sein soll. Aber Säffle hatte den Nachteil, daß sein Zeltplatz noch viel weiter außerhalb lag als der von Mellerud. Deshalb nahmen wir uns vor, gleich hinter Säffle einen schönen Platz im Wald zu suchen. Natürlich war da nichts zu finden und wir kamen schon durch den nächsten Ort, der wohl Värmlandsbro hieß. Kurz danach gab es noch eine kleine Ecke Wald und einen versteckten Platz, wo wir unsere beiden Zelte aufbauen konnten, ohne zu viele Besucher zu bekommen. Ein in der Nähe wohnender Bauer fand uns ja trotzdem, aber das Zelten im Wald ist doch noch ziemlich selbstverständlich akzeptiert, solange man die Spielregeln dabei einhält. Deshalb war das überhaupt kein Problem.
Ein Teil der Spielregeln ist natürlich, daß man nur eine Nacht im
Wald zelten darf. Deshalb fuhren wir am Samstag gleich wieder weiter.
Weil wir nun schon so weit nördlich von Säffle waren, machten wir uns
starke Hoffnungen, eventuell bis Sunne zu kommen. Erst einmal folgten
wir der N 45 noch ein kurzes Stück bis zur E 18 (Oslo - Stockholm).
Da gab es wieder Verwirrung, die E 18/N 45 war schlecht ausgeschildert
und es stand dort fälschlich "Segmon" statt "Stockholm". Irgendwie
haben wir den Weg trotzdem gefunden und kamen nach Grums, wo wir einen
kleinen Einkauf erledigen mußten. Vor allem mußte natürlich auch der
Wasservorrat wieder aufgefüllt werden. Bald hinter Grums kamen wir
dann wieder auf die N 45, die ja bis nach Finnland und mit ein bißchen
Zickzack durch Norwegen, Finnland und Rußland sogar bis nach Murmansk
ihre Fortsetzung findet. Obwohl wir nur bis Sunne wollten, erwies
sich sogar das langsam als unrealistisch. Die Steigungen auf so einer
vermeintlich flachen Strecke sind ja doch nicht von der Hand zu
weisen. Und eine kleine Pause machten wir auch noch, diesmal auf
einem abgeernteten Feld, wo die Kinder gut toben konnten. So mußten
wir dann abends wieder eine passende Stelle im Wald suchen. Das war
gar nicht so einfach, denn so mancher seitlich abzweigende Waldweg erwies
sich als ungeeignet. Es dauerte eine Weile, bis wir schließlich eine
schöne Stelle fanden, die genug Platz für unsere beiden Zelte bot und
auch von der Straße aus nicht zu sehen war.