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Familienradtour in Schweden, Norwegen und Deutschland

Karl Brodowsky, gefahren 1994-07-21 - 1994-08-25, geschrieben 1994

Teil 2: Durch das Klarälven-Tal nach Norwegen

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Die N 240 führte bis auf einen Ort durch fast unbewohntes Gebiet und an vielen mittelgroßen Seen vorbei, deren Wasser wir uns bezüglich der Trinkbarkeit auch weitestgehend anvertrauten. Ansonsten ging es ganz schön hoch und runter, auch wenn teilweise die in die Felsen geschnittene Trasse das ganze etwas abmilderte. Aber jetzt begann es sich langsam abzuzeichnen, daß die 180 kg mit mir als Fahrer bergauf einfach langsam waren, womit ich so etwa die Geschwindigkeiten zwischen 3 und 5 km/h meine. Da konnte man nichts ändern, zumal Schieben mit einem derart schweren Gespann wohl wirklich überhaupt keinen Spaß machen würde und zum Glück auch nicht nötig wurde. Vielleicht hätte mir Bernhard beim Schieben ja geholfen, zumindest hätte er selber gehen können, um mir seine 17 kg zu ersparen. Aber das haben wir eigentlich nie so gemacht. Wegen der vielen Berge und der wenigen Orte wurde es abends allmählich unsicher, ob wir noch Milch bekommen würden oder unseren Milchpulvervorrat verkleinern müßten. Aber irgendeine Tankstelle in Uddeholm in der Nähe von Hagfors hatte dann doch Wasser (umsonst), Milch und sogar Brot. Damit trauten wir uns dann auch, nach ein paar Kilometern die nächste geeignete Stelle im Wald zum Zelten aufzusuchen. Wir hatten wieder einmal das Glück, daß wieder der erste von uns diesbezüglich untersuchte Waldweg tatsächlich ein Treffer war und eine höchstens mit Mücken belastete Stelle bot, die nicht einmal von der Nationalstraße aus einsehbar war. Nur ein kleiner Hund fand uns morgens beim Zeltabbauen.

Wir folgten dann der N 62 nach Ekshärad, wo wir ursprünglich die Übernachtung vorgesehen hatten, und machten dort stattdessen eine schöne Mittagspause bei dem am Klarälven liegenden Zeltplatz. Bei der Weiterfahrt durch das Tal wurde es allmählich immer enger und die Berge zu beiden Seiten wurden immer höher, so daß durchaus von Mittelgebirge die Rede sein konnte. Das brauchte uns ja nicht langsam zu machen, da wir ja im Tal blieben, wenn man davon absieht, daß die N 62 natürlich durchaus am einen oder anderen Rand des Tales gelegentlich hochkletterte. Das Flußtal dient auch heute noch dem Holztransport, allerdings wird seit 1991 nicht mehr Holz im Flußlauf geflößt, sondern mit Lastzügen von einer Größe, wie es sie in Deutschland bei weitem nicht gibt, transportiert. Zum Glück für uns wächst das Holz aber so langsam, daß dadurch kein nennenswertes Verkehrsaufkommen zustandekommt. Kleine Flöße gab es trotzdem noch, aber die waren sehr klein und dienten gut zahlenden Touristen, die es als besonderes Ferienvergnügen ansahen, eine kleine Menge Holz auf diese Art zu transportieren. Andere mieteten Kanus, um ein Stück stromab zu paddeln und sie weiter unten zurückzugeben. Da wurden wir fast etwas neidisch auf die Leute, die die ganze Zeit so viel Wasser um sich herum hatten. Bald änderte sich unsere Meinung, als wir das Wasser von oben kommen sahen und es auf beiden Seiten blitzte. Als Paddler muß man so etwas ja tolerieren, denn das ist ja ein Wassersport. Aber wir waren ja keine Paddler und wir blieben auch davon verschont. Wir nahmen nur wahr, daß es in unserer Nähe regnete.

Abends gingen wir auf einen kleinen Zeltplatz in Stöllet, der bedingt durch eine Kurve des Flusses auf einer Halbinsel lag. Dort blieben wir dann auch gleich für zwei Nächte, zumal es uns gut gefiel, daß dort die Kinder auf dem Zeltplatz herumlaufen konnten, da sich die paar Autos mit ausgeschaltetem Motor ganz gut beaufsichtigen ließen. Nachts um eins mußten wir allerdings irgendwelche Leute, die kein Schwedisch zu können schienen, überreden, ihre armdicken Häringe doch nicht zu der Zeit einzuschlagen, was ihnen dann auch einzuleuchten schien. Am nächsten Tag stellte sich heraus, daß es ganz nette Pfadfinder waren, die beim Paddeln unseren Regen abbekommen hatten. Sie hatten ein sehr traditionelles schwarzes Zelt und teilten dieses mit einem 14-jährigen behinderten Kind, das sonst nicht so leicht Gelegenheit zu so einem schönen Urlaub gehabt hätte.

Tagsüber konnten wir mit unseren Kindern sehr schön am durch die Dürre besonders breiten Flußufer baden, spielen und kleine Kanäle bauen, die nach kurzer Zeit ungefähr 50 Meter Gesamtlänge erreichten, weil Bernhard immer neue Bauwünsche äußerte. Nebenbei ließen wir noch die Waschmaschine des Zeltplatzes gegen eine geringe Gebühr für uns arbeiten. Ich machte noch mit Bernhard eine kleine Einkaufsfahrt in den Ort Stöllet. Das war erstaunlicherweise trotz des dünnen Straßennetzes in Form einer kleinen Rundfahrt mit schönen Aussichten von der N 45 aus möglich, die beim Zeltplatz ins Tal absteigt und die N 62 kreuzt und früher auf den etwas südlich gelegenen Ort Stöllet stieß.

Hier bot sich nun wieder die Möglichkeit, auf der N 45 weiter nach Dalarna zu fahren. Aber irgendwie hatten wir noch nicht das Bedürfnis, uns von dem schönen Fluß zu trennen und entschlossen uns, erst eine Straße weiter nördlich abzubiegen. Eine solche Entscheidung hat natürlich bei einem derart grobmaschigen Straßenetz, das fast nur aus Nationalstraßen und unasphaltierten Feldwegen besteht, schon eine gewisse Tragweite für die nächsten paar Tage. Obwohl der Norden Värmlands sehr dünn besiedelt oder fast unbewohnt ist, kamen gerade im Klarälvtal doch immer wieder ein paar Orte, wenn auch langsam der Abstand dazwischen immer größer wurde.

In Höljes, das ein solcher Ort mit vielleicht 200 oder 300 Einwohnern ist, gab es immerhin so manches an Infrastruktur, etwa eine Post, eine Bank, einen Spielplatz, eine Tankstelle, ein Hotel, eine Jugendherberge, einen Zeltplatz, ein Freilichtmuseum, einen Laden, eine Bushaltestelle, wo Fahrzeuge hielten, die vorne Bus und hinten Lastwagen waren, eine Touristeninformation, ein Freibad und sogar ein Kraftwerk und nebenbei auch noch gleich zwei Brücken über den Klarälven und eine teilweise asphaltierte Autorennbahn. So viel auf einmal findet man nicht alle Tage, auch wenn uns das Hotel und die Jugendherberge nur äußerst wenig interessierten und wir das Freibad auch eher bedauerten, weil es nur wegen eines Badeverbots im Fluß errichtet worden war, das wiederum mit dem Kraftwerk zusammenzuhängen scheint.

Drei Nächte wurden es dann in Höljes, was zu einer Kraftwerksbesichtigung und einigen kleineren Wanderungen mit dem zum Kinderwagen umfunktionierbaren Anhänger Gelegenheit gab. Das Kraftwerk war aber doch nicht mitten im Ort, sondern einige Kilometer davon entfernt und noch nicht einmal auf einer guten Straße erreichbar. Da gab es dann endlich einmal Gelegenheit zum Schieben, weil die Kinder im Anhänger auf unasphaltierten Wegen so durchgeschüttelt werden, daß es völlig unrelevant ist, ob man diese Wege seinem Fahrrad und sich selbst zumuten würde oder nicht. Es kamen uns auch Leute entgegen, die meinten, es gebe kein Wasser, keinen Kraftwerksbetrieb und keine Besichtigung, aber davon ließen wir uns nicht entmutigen. Oben auf dem Staudamm konnte man dann nochmal die Einladung zur Besichtigung lesen. Treffpunkt war 15 Uhr und wir waren so ungefähr pünktlich, aber es war wirklich nichts los, denn zu der Zeit ging es im Ort beim Hotel los. Dies war eine Rücksichtnahme auf diejenigen, die den Weg nicht selber finden können, und eine Viertelstunde später ging es dann doch auch beim Kraftwerk los. Witzig war, daß der Staudamm nicht aus einer Betonwand, sondern aus einer Geröllschüttung mit verschiedenen Isolierschichten bestand. Das Wasser wird nicht unterhalb des Damms in den Fluß gelassen, sondern durch einen kilometerlangen Tunnel bis in die Nähe von Höljes geleitet, um diesen Höhenunterschied auch noch auszunutzen, so daß dazwischen ein ziemlich trockener Fluß zu sehen ist, der nur als Überlauf genutzt wird.

Eine Deutsche auf dem Zeltplatz, die Karin in der Küche des Zeltplatzes getroffen hatte, klagte darüber, daß bei den Temperaturen die Milch im Auto schlecht geworden war und daß es keine H-Milch gebe. Damit hatten wir nie Probleme, obwohl wir ständig Milch brauchten und deshalb manchmal sogar einen kleinen Vorrat davon im Anhänger hatten.

Auf dem Zeltplatz gab es übrigens zwei Wohnmobile, die anscheinend durch Umbau eines ausgewachsenen Busses entstanden waren. Der eine davon erschien erst zwei Tage später als wir dort und ließ einen gewissen Zusammenhang mit der Autorennbahn erkennen. Es zeichnete sich ab, daß ein gewisses motorisiertes Publikum, das man sich etwa nach einigem Fahren im Heidelberger Stadtverkehr leider ganz lebhaft vorstellen kann, wegen eines bevorstehenden Autorennens an Häufigkeit zunehmen könnte. Da machten wir uns dann lieber auf den Weg, der nun auf einer wunderbaren Straße wirklich durch die unbewohnte Wildnis führen sollte. Nur noch der Grenzort Långflon und das bekanntlich wegen seiner geringen Besiedlungsdichte fast unbewohnte Norwegen lagen vor uns, der Stausee mehr oder weniger neben uns.

Leider schliefen die Kinder zu den Zeiten, als man vielleicht dort hätte baden können und sie hatten Hunger, als wir ein ganzes Stück über dem See waren. Aber die Pause war trotzdem schön und danach war es dann nicht mehr weit bis zur Grenze. Sofort wurde die Straße besser, aber bald auch das Wetter schlechter. Wir gingen bei einer Pause schön am Trysilelv, wie der Klarälven in Norwegen genannt wird, spazieren, als plötzlich Regen kam, der noch gerade erlaubte, Ulrich schnell ohne vorheriges Aufspannen einer Plane zu wickeln. Danach bekamen die Kinder das Dach auf den Anhänger, das wir vorher fast die ganze Zeit offen gelassen hatten. Wir mußten mehr oder weniger damit leben, daß der Regen nicht so recht aufhören wollte.

Der Ort Trysil, nach dem der Fluß benannt ist und der schon die ganze Zeit als eigentliches Ziel der Straße auf allen Wegweisern stand, sollte einen Zeltplatz haben, wie man uns in Schweden mitgeteilt hatte. Sogar eine mündliche Beschreibung gab man uns irgendwo, nämlich so etwa in der Art, daß man sich kurz vor dem Ort Trysil einfach zum Flußufer wenden müßte. Das sollte also nicht weiter schwierig sein und wir nahmen in Nybergsund, das nach meiner Erinnerung von einer 7 Jahre früheren Radtour ganz kurz vor Trysil liegen sollte, die Brücke über den Fluß und die auf der anderen Seite sehr gut ausgebaute Straße. Da waren es dann aber doch noch 7 Kilometer (in Gedanken minus 2 für "kurz vorher"). Als "kurz vorher" dann überfällig war, fragten wir einmal an einer Tankstelle nach und die sagten uns, wir müßten durch Trysil durch und dort über die Brücke und auf dem anderen Ufer 2 Kilometer zurück nach Süden (in Richtung Nybergsund) zum Ortsrand, wo sich der Zeltplatz dann schon finden würde. Da fand er sich auch, und wir konnten unser Zelt an einer wunderbaren Stelle am Flußufer aufbauen, wo man sogar noch ganz gut baden konnte.

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