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Familienradtour durch Gotland

Karl Brodowsky, gefahren 2001-07-07 bis 2001-07-29, geschrieben 2002

Einleitung

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Langsam wird es bei uns schon fast so etwas wie eine Familientradition, daß wir manchmal im Sommer eine kleine Fahrradtour in Nordeuropa machen, z.B. 1994, 1997, 1998 (wenn man das so nennen will), 1999 und 2000.

Aber die Zeiten ändern sich doch und die Kinder werden größer, vor allem zu groß für den Anhänger. Außerdem ist aus Gründen, über die in diesem Rahmen Stillschweigen bewahrt werden muß, ist auch der zeitliche Rahmen nicht immer derselbe. Jedenfalls trat als Besonderheit in diesem Jahr die Herausforderung auf, daß unser ältester Sohn Bernhard in diesem Jahr selber fahren sollte, einfach weil es für Heidrun und Christina zusammen im Anhänger langsam ein bißchen eng wurde und weil Heidrun nicht mehr im Anhänger mitfahren wollte. So begannen wir uns schon lange vorher Gedanken zu machen, wo man eine Fahrradtour machen könnte. Es sollte ein attraktives Reisegebiet mit viel Natur, wenig motorisiertem Verkehr (Fahrradverkehr stört uns weniger...), wenigen Bergen, ausreichender Infrastruktur und nicht zu großen Entfernungen für eine dreiwöchige Fahrradtour hergibt. So kamen wir auf die Idee, nach Gotland zu fahren, das gerade die richtige Größe für eine "gemütliche" Tour zu haben schien und wo wir trotz der beiden Besuche 1996 und 1998 gab es dort noch genug Dinge, die wir nicht gesehen hatten oder die einen weiteren Besuch aus der Perspektive von Radfahrern rechtfertigen sollten. Nachteilig ist bei Gotland die sogar ohne Fahrräder recht aufwendige Anreise, aber darauf kommen wir weiter unten noch zurück.

Gotland ist eine 2994 km² große Insel in der Ostsee, etwa auf halbem Weg von Stockholm nach Riga. Es ist nach Seeland (Ostdänemark) und knapp vor Fünen (Westdänemark) und Ösel (Estland) die zweitgrößte Insel in der Ostsee. Vielleicht ist Fünen etwas größer, weil mit "Gotland" verschiedene Dinge gemeint sein können, entweder die Insel selbst oder das politische Gebilde "Gotlands Län", das noch ein paar Nachbarinseln umfaßt und damit eine etwas größere Fläche hat.

In Europa ist Gotland die 20.-größte Insel oder 21.-größte Insel. Der Ursprung ist in einer alten Zeit, die man erdgeschichtlich als Silur bezeichnet, zu suchen. Damals war die Gegend der heutigen Ostsee ein tropisches Meer mit vielen Korallen und anderen interessanten Wasserlebewesen. So haben sich riesige Kalkmassen gebildet, in denen man noch heute teilweise sehr interessante Versteinerungen und Strukturen findet.

Benannt ist Gotland nach den Goten, die später als Ost- und Westgoten in der Völkerwanderungszeit nach einer ausführlichen Zwischenstation im heutigen Osteuropa auch in südlicheren und westlicheren Teilen Europas in Erscheinung traten und deren Nachkommen sich inzwischen teilweise in Spanien wiederfinden dürften.

Heute findet man auf Gotland viele Spuren der Besiedlung zur Bronzezeit, Eisenzeit und später zur Wikingerzeit. Auffällig sind die zahlreichen Schiffsetzungen, also Steine, die in Form eines großen Schiffes angeordnet wurden.

Im Mittelalter war Gotland zeitweise sehr aktiv im Ostseehandel involviert und erreichte für damalige Verhältnisse einen relativ hohen Wohlstand, der sich auch heute noch an der geradezu einmaligen Dichte romanischer und gotischer Kirchen erkennen läßt, von denen es auf Gotland fast 100 gibt.

Etwa um 1350 änderten sich die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse schnell und es kamen unruhigere Zeiten auf die Insel zu, mit wechselnden Herrschern und der Zerstörung großer Teile Visbys, dessen Kirchen noch heute hauptsächlich Ruinen sind. Zeitweise war Gotland dänisch, obwohl das in den Zeiten der Kalmarer Union, die Dänemark, Norwegen und Schweden für fast 125 Jahre unter einem gemeinsamen Dach zusammenfaßte, unter diesem gemeinsamen Dach blieb. Auch damals gab es schon Piraten, die damals jedoch vermutlich noch nicht mit den heutigen Managementmethoden vertraut waren. Interessanterweise kam es im Rahmen der Auseinandersetzungen im Vorfeld der Gründung der Kalmarer Union zu einer markanten Zunahme der Piraterie im Ostseeraum, weil die eine oder andere Konfliktpartei auf diesem Wege hoffte, den Gegner schwächen zu können. Man fühlt sich an die Förderung des wohl "prominentesten" Mannes unserer Zeit sowie der afghanischen Fachschaften (so nennt man doch auf deutsch die Studentenorganisationen) durch die Vereinigten Staaten während des kalten Krieges und auch noch einige Zeit danach erinnert. Wie heute wurde man auch damals die gerufenen Geister nicht so schnell wieder los. Zeitweise besaßen die Vitalienbrüder oder Likedeler sogar die Herrschaft über ganz Gotland. So hieß die piratenhafte Organisation, die durch ihr prominentes Mitglied Klaus Störtebecker gewisse Bekanntheit erzielen konnte, wenn auch Herr Störtebecker damals sicher nicht der Herrscher Gotlands war. Im Gegensatz zu dem Vorsitzenden einer heutigen Luftpiraten-Organisation ist Herr Störtebecker wohl erst nach seinem Tode so "prominent" geworden. Man weiß nicht einmal genau, ob er sich überhaupt auf Gotland aufgehalten hat. So ist auch diese Zeit noch ein bißchen geheimnisvoll geblieben. Immerhin kam damals der deutsche Ritterorden im Rahmen einer bewaffneten friedenstiftenden Mission ohne UN-Mandat nach Gotland und entfernte Störtebeckers Kollegen von der Insel, vor allem von der Macht über die Insel. Der Ritterorden übergab Gotland einige Jahre später wieder an Dänemark. Das hinderte die Vitalienbrüder aber nicht daran, sich noch fast 40 Jahre lang im Nordseeraum über Wasser zu halten. Man sieht, daß es auch im finsteren Mittelalter fast so harte Zeiten wie heute gegeben haben muß. Der Name "Likedeler" deutet übrigens darauf hin, daß die Beute immer gerecht verteilt wurde. Man war also schon damals nicht einfach nur kriminell, sondern verfolgte ganau wie einige heutige Banden noch nebenbei gewisse "Ideale".

Wer noch etwas mehr über diese Gotland-Connection weiß, darf mir gerne schreiben.

Bis zu unserem Besuch vergingen nach dem Ende des Mittelalters noch 500 interessante Jahre, in denen irgendwann die Schweden wieder das Ruder übernehmen konnten. Dies geschah 1645 gegen Ende des 30-jährigen Krieges im Frieden von Brömsebo. Es entstanden im Laufe der Zeit Straßen auf Gotland, die natürlich abgesehen von dem heutigen Asphaltbelag größtenteils schon sehr alt sind. Die Reformation kam in den Norden und es kamen zum Glück irgendwann einmal auch friedlichere und ruhigere Zeiten. Zeitweise gab es ein recht unfangreiches Eisenbahnnetz mit Zentrum in Roma bei der Zuckerfabrik.

Heute findet man als Verkehrswege ein Netz von neun Nationalstraßen (blaue Schilder mit Nummer) und vielen ausnahmslos asphaltierten Hauptstraßen (blaue Schilder ohne Nummer) und zu ca. 50 % asphaltierten Nebenstraßen (gelbe Schilder). Die N 140 von Visby nach Tofta, die N 149 von Visby nach Snäck und die N 143 etwa halbwegs bis Roma haben breite Seitenstreifen. Die N 148 von Visby nach Fårösund und die N 142 von Visby nach Burgsvik sind sozusagen die Fernverkehrsverbindungen, die sich ein bißchen mehr an der Mittelachse der Insel orientieren. Die N 140 und die N 149 folgen der Westküste, während die N 143 Roma und Ljugarn an Visby anbindet und die N 147 Slite. Außerdem gibt es natürlich noch drei Nationalstraßen im Osten und Süden ohne Berührung mit Visby, das nun wohl jeder auch ohne Blick auf die Landkarte irgendwo in der Mitte der Westküste, fast mit Blick auf das Festland, ansiedeln kann. Ein paar gut ausgebaute Haupstraßen finden sich etwa noch nördlich der N 143 von Visby nach Dalhem, von Roma nach Klintehamn und von Roma nach Stånga im Südosten. Für Radfahrer findet sich noch ein als "Gotlandsleden" markierter Weg, der die ganze Insel umrundet. Er führt hauptsächlich über vorhandene Straßen und teilweise auch über Sandwege. Aber man kann auf Gotland alle Straßen mit dem Fahrrad befahren. Es gibt zum Glück keine Fahrradverbote. Leider kommen immer mehr Radwege auf, aber das hielt sich 2001 bis auf die Verbindung von Tofta nach Visby noch in Grenzen. Neu entstehen Radwege an der N 149 von Visby nach Lummelunda und an der N 140 südlich von Tofta.

Anreise

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Die Anreise nach Gotland ist natürlich ein längeres Kapitel, insbesondere wenn man Fahrräder mitnimmt, von denen sogar noch eines ein Tandem ist. Selbstverständlich nimmt die schwedische Bahn keine Fahrräder mit, es sei denn, man gibt sie innerhalb von Schweden auf, was die Anreise dann doch auf eine halbe Woche verlängert. Der Luftweg ist sogar bis nach Visby denkbar, aber sicher nicht mit einem Tandem. Zum Selberfahren ist die Zeit ein bißchen knapp und mit Schiffen kam man zu der Zeit auch nicht von Deutschland nach Gotland. Das könnte sich auch gelegentlich ändern. Denkbar wäre es noch, auf dem Luftweg nach Stockholm zu reisen und dann mit dem Fahrrad oder sogar mit dem Zug durch Stockholm zum Hafen von Nynäshamn zu fahren, wo die Schiffe nach Gotland fahren. Dieser Zug nimmt nämlich als große Ausnahme innerhalb Schwedens doch Fahrräder mit. Der Laufweg beginnt nördlich von Stockholm, ca. 10--15 km vom Flughafen entfernt, und endet in Nynäshamn, wo die Schiffe nach Gotland ablegen.

Letztlich verpackten wir aber die Fahrräder mit umgedrehten Pedalen in Decken, Folien und Kartons und ließen sie von einer Spedition, genaugenommen Danzas, eine Woche vor den Ferien vor unserer Haustür abholen und nach Visby bringen. Es empfiehlt sich, eine Spedition zu nehmen, die in Schweden Stützpunkte hat, weil man sonst Probleme mit der fehlenden Lieferadresse bekommt. Erfahrungen anderer Radfahrer zeigen auch, daß nicht jede Spedition so etwas überhaupt macht und trotz der insgesamt so niedrigen Transportkosten zahlt man doch ungefähr 1000 Mark pro Richtung für diesen Transport. Jedenfalls konnten wir so selber ohne Fahrräder mit dem Zug fahren. Die Zugfahrt war diesmal durch eine Besonderheit angreichert, weil es jetzt eine Eisenbahnverbindung (aber keine richtige Straßenverbindung) über den Öresund gibt. Mit ICE und IC3 und einem schwedischen Nachtzug kamen wir nach Stockholm und auch weiter nach Nynäshamn, wo wir unser Gepäck im Hafen unterbringen konnten, um die Zeit bis zur Abfahrt unserer Fähre noch mit Baden auf der anderen Seite von Nynäshamn zu nutzen. Natürlich war diesmal alles ausgebucht, so daß wir bis kurz vor der Abfahrt des Schiffes nicht genau wußten, ob wir mitkommen, aber es klappte dann doch prima.

In Visby fuhren wir mit einem Taxi einen Zeltplatz und bauten alles auf, um am nächsten Morgen, also an einem Montag, unsere Fahrräder aus dem Industriegebiet vom Stützpunkt der Spedition zu holen. Das Verpackungsmaterial konnten wir zum Glück dort deponieren und irgendwann waren die Fahrräder auch einsatzbereit.

Woche 1

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Wir wollten noch eine zweite Nacht auf dem kleinen Zeltplatz am Nordrand von Visby bleiben, aber es bot sich doch an, direkt mit einem kleinen Tagesausflug zu beginnen. So fuhren wir zu den Grotten in Lummelunda, die ich mit den Mädchen besichtigte, während Karin mit den Jungen ein Museum aufsuchte. Christina merkte sich sehr genau, daß die Höhle bis unter die Nationalstraße (N 149) und noch viel weiter (womöglich bis zur N 148) reichte und nahm jetzt bei jeder Nationalstraße an, daß darunter eine Höhle liegen müsse.

Der Dienstag führte uns bei ziemlichem Regenwetter weg von Visby und in Richtung Roma und Ljugarn im Osten der Insel. In Roma konnten wir sogar unsere nasse Kleidung während der Mittagspause trocknen. Abends regnete es wieder ein wenig und wir kamen nach Ljugarn, wo der Zeltplatz in der Nähe des Meers wunderschön gelegen war. Überhaupt war auf dieser Radtour das Meer die häufigste Badegelegenheit, während wir Binnenseen nicht an jedem Tag finden konnten.

An einem Ruhetag fuhren Bernhard und ich mit dem Tandem eine kleine Runde über Roma, Dalhem und Gothem, während wir am anderen Ruhetag einen kleinen Zoo etwas südlich von Ljugarn und natürlich das Raukengebiet in der Nähe des Zeltplatzes aufsuchten. Von dort war es nur noch ein guter Kilometer zum Zeltplatz an der Küste entlang, aber Bernhard war nicht da. Er war, wie ich vermutet hatte, unserem Hinweg gefolgt und kurz vor dem Zeltplatz nach rechts ins Landesinnere abgebogen, um am Zeltplatz und Ljugarn vorbei durch den Wald zur N 143 zu kommen. Dadurch, daß ich die Runde andersherum fuhr, kam ich ihm entgegen und hatte so noch die Gelegenheit, ihm den Weg zu zeigen, wo wir eigentlich alle fahren wollten.

Auf verschiedenen Straßen führte unser Weg jetzt in der Nähe der Küste weiter nach Süden bis nach Fidenäs. Der Zeltplatz lag witzigerweise direkt am Meer, aber ohne eine geeignete Bademöglichkeit, weil alles voll mit Schilf war.

Auch auf dieser Radtour konnten wir es uns nicht leisten, überall drei Nächte zu bleiben, so daß wir beschlossen, uns in Fidenäs mit nur einem Ruhetag zu begnügen. An diesem ruhigen Tag fuhren nach Burgsvik, um ein bißchen zu baden und einzukaufen. Dann ging es ganz in den Süden von Gotland zur Hoburg, einer schönen Rauklandschaft. Das letzte Stück konnten wir sogar fast direkt am Wasser entlang fahren.

Woche 2

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Unser nächstes Ziel sollte wieder etwas direktere Bademöglichkeiten bieten und ein bißchen an die Tradition früherer Gotlandbesuche anknüpfen. So folgten wird der Küste auf der N 140 nach Klintehamn und Tofta. Wir kamen an einer schönen Schiffssetzung vorbei und machten in Klintehamn noch eine kleine Abendpause mit Einkauf. Der Zeltplatz von Tofta war recht voll, aber wir fanden schon noch unseren Platz und nutzten den Strand auch zum Baden. Leider ging das nicht immer, denn es gab an einem nachmittag ein Gewitter, bei dem wir uns im Gegensatz zu einigen anderen Leuten nicht ins Wasser trauten.

Der erste Ruhetag wurde von Karin für einen kleinen Ausflug über viele kleine Sträßchen in die Gegend von Roma genutzt. Ich ging mit den Kindern ins Wikingermuseum (Vikingaby). Abends fuhr ich noch eine kleine Runde nach Visby und dann über die N 142 und ein paar kleine Straßen zurück nach Tofta.

Der zweite Tag sollte uns wieder zur Vogelinsel Stora Karlsö führen. Wir konnten unsere Fahrräder im Hafen von Klintehamn sogar wegschließen, was wohl vor allem für ein Pärchen von Vorteil war, die mehrere Nächte auf Stora Karlsö verbringten wollten. Wir freuten uns über die Pflanzen und die Vögel, kehrten aber dann noch am selben Tag zurück nach Klintehamn und auf einem ruhigeren und längeren Weg abseits der Küste sogar nach Tofta.

Unser nächstes Ziel sollte Slite sein und der normale Weg dorthin führt über die Umgehungsstraße von Visby und die N 147. Karin hatten die kleinen Wege nach Roma mit den vielen Kirchen so gut gefallen und wir überlegten, daß das nicht viel weiter sein sollte und das wir auch das durchaus zu schaffen könnten. So fuhren wir in die Nähe von Roma und sahen uns unterwegs einige alte Kirchen an. Über viele kleine, aber doch immer asphaltierte Hauptstraßen kamen wir schließlich in der Nähe von Bäl N 147 und folgten dieser bis kurz vor Slite. Das letzte Stück von der Kreuzung mit der N 146 von Gothem und Ljugarn war nicht mehr weit. Der Zeltplatz lag sogar auf der Seite von Slite, von der wir kamen. Aber es war halt doch noch ein Stück... Bernhard war ganz schön müde, und er wäre lieber den etwas kürzeren und schnelleren Weg gefahren. Obwohl Gotland ziemlich flach ist, kommen die kleinen Hügel auf den kleinen Hauptstraßen doch mehr zum Ausdruck als auf den großen Nationalstraßen.

Auf dem Zeltplatz trafen wir eine andere Familie, die auch mit ihren Kindern eine Fahrradtour machten. Sie waren mit einem Fahrradbus nach Växjö gereist und von dort auf dem Festland bis Oskarshamn gefahren. In Slite war ich wieder dran, einen kleinen Ausflug zu machen. Ich fuhr natürlich erst einmal zum Tingstädeträsk, um zu baden. Das ist schon fast obligatorisch, wenn es entfernungsmäßig zu machen ist. Dann folgte ich der kleinen Querverbindung nach Ire zur anderen Küste und fuhr an dieser bis in die Gegend von Fleringe, dann wieder quer rüber zur anderen Küste und nach Fårösund. Für den Rückweg wählte ich dann die kürzeste Verbindung auf der N 147.

Am zweiten Ruhetag fuhren wir alle zusammen nach Tingstäde, um dort zu baden und die schöne Kirche anzusehen. Ich war mit den Kindern schon vorgefahren, während Karin noch einen kleinen Einkauf machte. Wir trafen uns bei der Industrielastwagenstraße, die teilweise parallel zur Hauptstraße verläuft. Für den Rückweg gönnten wir uns einen kleinen Umweg über Bäl und Åminne. So hatten wir die Gelegenheit, die Ruinen eines alten Hofes aus der Bronzezeit zu sehen und kurz vor Slite auch noch in einem wunderschönen Raukengebiet nebender N 146 eine Abendbrotpause einzulegen.

Für die Fahrt in den äußersten Norden Gotlands wählten wir die Hauptstraße, die mit etwas Zickzack in der Nähe der Ostküste nach Fårösund verläuft. Das ist noch eine besonders interssante Strecke, weil sie zum Teil nebem einer Felshang verläuft, der wie eine Steilküste, aber ohne Wasser aussieht. Die Fähre brachte uns über den kurzen Sund auf die kleine Nachbarinsel Fårö, die aber politisch und geographisch doch noch zum Umfeld von Gotland gehört. Die Landschaft auf Fårö sah ganz anders aus. Es gab mehr Weiden, weniger Wald und weniger Felder. Eigentlich soll irgendwann einmal eine Brücke zwischen den beiden Inseln gebaut werden, aber das ist beim letzen Anlauf noch abgelehnt worden, so daß wir keine Chance hatten, auf die Fertigstellung dieses Bauwerks zu warten. Die Verlängerung der N 148 ist auf Fårö eine gut ausgebaute Hauptstraße. Ganz im Norden bei Sudersand, wo wir unseren Zeltplatz suchten, hatte man sogar für eine längere Strecke Umgehungsstraßen für die zahlreichen kleinen Orte gebaut. Der erste Zeltplatz war schon voll, aber auf dem zweiten, der noch näher am Meer lag, fanden wir problemlos einen Platz.

Woche 3

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Die Gelegenheit, so weit nördlich zu sein, nutzten wir mit zwei Ruhetagen aus. Am ersten Tag fuhr Karin eine kleine Runde durch ganz Fårö, was gar nicht so einfach ist, weil abgesehen von dem schon erwähnten Nationalstraßenzubringer zur N 148 dort nur ein sehr grobmaschiges Straßennetz existiert. Ich ging mit den Kindern an den Strand und am Nachmittag gingen wir durch das riesige Dünengebiet spazieren.

Für den zweiten Tag fanden wir auch noch eine schöne Runde für einen gemeinsamen Ausflug. Irgendwo in der Mitte von Fårö zweigt eine Hauptstraße nach Westen ab und man kann an der Küste entlang nach Norden fahren und irgendwann wieder zurück zur Hauptstraße kommen. Bei strahlendem Sonnenschein war diese Strecke mit Massen an riesigen Raukformationen natürlich total faszinierend. An einem der Abende hatte ich auch noch Gelegenheit, die kleine Runde in den äußersten Norden der Insel zu fahren.

Die Weiterfahrt in den sonnigen Süden gestaltete sich auf Fårö recht eindeutig, wenn wir auch diesmal die Gelegenheit nutzten, die etwas neuere Kirche auf Fårö zu besuchen. Kurz hinter der Fähre hatten wir die Möglichkeit, eine andere Strecke als auf dem Weg nach Fårö zu wählen. Wir fuhren diesmal westlich der N 148, über eine wunderbare Straße, die wir fast für uns alleine hatten. Einer der größten Seen Gotlands lag irgendwann plötzlich rechts neben der Straße und wir dort natürlich alle baden. Später verlief die Straße dann fast direkt auf dem Strand. So etwas gönnt man sich auch nicht alle Tage. Kurz vor Kappelshamn hatten wir die N 149 unter den Rädern, die zunächst auch am Wasser verlief und dann in Richtung Visby ein Stück Küste abschnitt. Den Umweg über Hall sparten wir uns. Ich finde, daß die N 149 in diesem Abschnitt von Kappelshamn nach Ire eine der schönsten Strecken auf Gotland ist. Kurz hinter Ire bogen wir in eine Stichstraße nach rechts ab und fuhren zum Zeltplatz von Lickershamn an der Küste.

In dieser Gegend waren wir 1996 und 1998 schon gewesen und so gab es schon sofort Ideen, wo man hinfahren könnte. Wir fuhren erst nach Tingstäde zu dem See und danach nach Ire zum Strand.

Nun kam schon unsere letzte größere Etappe, die uns nach Visby zurückbringen sollte. Lickerhamn liegt nicht so furchtbar weit von Visby entfernt, aber wir wollten doch ein bißchen Abwechslung bei der Wahl der Zeltplätze und so quartierten wir uns diesmal etwas südlich der Stadt auf dem Zeltplatz Kneippbyn ein. Dieser Zeltplatz hatte eine ganz schöne Infrastruktur, war aber wohl auch etwas teuerer als die anderen. Irgendwo an der Steilküste konnte man sogar im Meer baden. Es gab auch ein eigenes Schwimmbad (Vattenland), das noch einen ordentlichen Eintritt kostete und nur Rutschbahnen und Planschbecken, jedoch kein richtiges Schwimmbecken hatte. Abends fuhr ich noch eine kleine Runde durch die Umgebung und fand dabei einen schönen Aussichtspunkt auf einem erhöhten Abschnitt der Steilküste.

Am nächsten Morgen fuhren wir dort zusammen hin. Danach mußten wir uns bald von den Fahrräder verabschieden, denn die fuhren mit uns zum Stützpunkt der Spedition. Karin nahm mit den Kindern ein Taxi zum Zeltplatz, wo auch ein Pippi-Langstrumpf-Park war, während ich die Fahrräder verpackte und der Spedition übergab. Es gab natürlich noch Probleme, weil die Unterlagen und die Informationen über den Rücktransport fehlten, was wohl daher kam, daß man in Basel und in Visby verschiedene Vorstellungen über den Transportweg hatte und deshalb die Unterlagen nicht finden konnte. Irgendwann klappte es doch, wenn auch für diesen Transport noch 9 Monate später eine zusätzliche Rechnung über 500 CHF kam.

Ohne Fahrräder ging ich zu Fuß in die Stadt und fand von dort einen Bus, der zum Zeltplatz fuhr. Am abend ging ich noch einmal zum Hafen, um Fahrkarten für die Schiffsfahrt nach Nynäshamn zu organisieren. Um diese Zeit fuhr der Zeltplatzbus zum Hafen, wo ein recht aktives Nachtleben stattfand und hatte schon laute Musik und blitzende Disco-Beleuchtung. Es ließ sich nichts machen, wir konnten nur am nächsten auf die Warteliste gesetzt werden. Das war in den früheren Jahren niemal so ein Problem, aber jetzt muß man wohl die Fähre von und nach Gotland schon Monate im Vorraus buchen.

Rückreise

Am nächsten Morgen waren wir jedenfalls früh fertig und fuhren mit einem Taxi zum Hafen. Tatsächlich kamen wir mit dem ersten Schiff mit und hatten auch einen guten Zug von Nynäshamn nach Stockholm. Dort gab es diesmal sogar freie Schließfächer und wir hatten die Gelegenheit, einen ganzen Tag lang die Stadt anzusehen, unter anderem das Vasa-Museum.

Die Rückfahrt im Nachtzug ging relativ problemlos, aber die Nacht war schon von Stockholm bis Malmö recht kurz. Wegen einer Baustelle mußten wir den Zug aber schon in Lund verlassen und die letzten paar Kilometer bis Malmö mit Bussen fahren. Von Malmö fuhr auch der IC3 an dem Tag nicht, weil es anscheinend nicht genug Lokführer gab, die dafür ausgebildet sind, den IC3 nach Schweden zu fahren. Wir mußten stattdessen mit der rollenden Europastraße (Öretåg) nach Kopenhagen fahren und dort in den IC3 umsteigen. Von Hamburg nach Schaffhausen hatten wir verschiedene ICE-Züge.

Damit war die Radtour fast abgeschlossen, aber die Fahrräder waren noch nicht wieder da. Irgendwann, ein oder zwei Wochen später, rief die Spedition an und sagte, sie seien in Basel angekommen und wir könnten sie uns nach Schaffhausen zustellen lassen. Das hielt ich diesmal für überflüssig. In der Schweiz kann man ja Fahrräder im Zug mitnehmen, aufgeben oder sogar selber damit fahren. Ich tauchte also so am späten Nachmittag in Basel im Industriegebiet auf, was natürlich mit der Straßenbahn problemlos zu erreichen war. Irgendwann hatte ich auch die Fahrräder und sie wollten nur noch wissen, wo mein Lastwagen ist. Als ich dann anfing, die Fahrräder zusammenzubauen, war ich natürlich die Hauptattraktion des ganzen riesigen Speditionsgeländes. Mit zwei Fahrten und einer Straßenbahnfahrt schaffte ich alles zum Bahnhof und gab zwei Fahrräder und das Anhängerfahrrad auf. Das ging, weil drei von uns einen Jahresnetzkarte (Generalabonnement) für die Schweiz haben, damit also eine Fahrkarte von Basel nach Schaffhausen. Mit dem Tandem und dem flachgelegten Anhänger fuhr ich selber kurz die 100 Kilometer nach Schaffhausen. Im Gegensatz zu der Radtour nach Südtirol, wo ich auf der Schweizer Seite von Basel nach Schaffhausen gefahren war, wählte ich diesmal die N 34 auf dem deutschen Rheinufer. Es war noch ein bißchen eine Kunst, die vielen für Radfahrer gesperrten Straßen in Basel zu vermeiden und doch dorthin zu kommen, aber irgendwie gelang mir das noch kurz vor 21:00. Schon bald war die Straße einigermaßen leer und nur noch in der Nähe von Ortsdurchfahrten gab es ab und zu ein Auto. Und natürlich kamen mir auch in der Nacht noch drei Schwertransporte entgegen. Bei Waldshut fing dann ein Interstate-Straße (A 81) an, aber die N 34 ging unbeirrt weiter in Richtung Schaffhausen. Das letzte Stück war besonders schön, als ich im Mondlicht auf einen riesigen Höhenzug zufuhr und die Straße dann einen leichten Bogen nach links machte und parallel dazu weiterlief. Irgendwann war ich in Schaffhausen.

Beginnend mit dieser Seite werde ich jetzt manchmal auch eine kleine Landkarte für die Route der Radtour haben.

Aus Gründen der Vollständigkeit habe ich von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, noch eine kleine Tabelle anzufügen. Da kommt das Nordkap aber auch nicht vor, höchstens das Nordende von Gotland oder Fårö.

Links

Wer Informationen über Gotland sucht, kann hier noch ein paar Links finden:

Und natürlich bin ich nicht der erste, der einen Radtourenbericht über Gotland schreibt.

  1. Mit ÖPNV & Fahrrad auf Gotland [Karl Brodowsky 1998]
  2. nach Gotland (home) [Nicoline & Wolfgang Benn 1975]
  3. Gotland ? ) [Lise Østmo 1997]
  4. Gotland and Trans-Scandinavian Cycle Tour (part 2, home) [Terje Melheim 1999]
  5. Gotland with beatiful watercolor images (home) [Susanne & Ole Jacobi 2001]