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Fahrradtour durch die Tschechische Republik

Michael Vinzenz gefahren 1994, geschrieben im Februar 1995

Teil 1

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Hier ein kleiner Bericht über eine Radtour durch die Tschechische Republik.

Wir (meine Partnerin und ich) haben die Radtour im Juli 94 gemacht, die Strecke auf dem Fahrrad betrug etwa 1100 km in zwei Wochen. Ich glaube, daß sich heute vieles schon wieder ganz anders darstellen würde. Das Entwicklungstempo dieses schönen Landes ist einfach atemberaubend, ebenso wie die Kontraste, die ich hier im Westen nie so erlebt habe. Wir waren an einigen Tagen ziemlich genervt von manchen Leuten und wahrscheinlich von uns selbst. Dafür haben wir zum Ausgleich auch wieder so positive Erlebnisse gehabt, wie selten in anderen Ländern. Der größte Fehler, den wir gemacht haben, war es, irgendwelche Erwartungen zu haben. Es war alles anders. Ich würde diese Tour gerne in 5 Jahren nochmal machen - aus Neugier. Und hoffentlich nichts dabei erwarten.

Wir sind vom Schwarzwald mit der Bahn nach Dresden gefahren und zurück von Österreich ebenfalls mit dem Zug.

So, here we go...

Dresden empfing uns gleich mit dem gröbsten Kopfsteinpflaster, das wir je gesehen hatten. Nach der elfstündigen Zugfahrt tat es aber richtig gut, mal auf etwas anderem zu sitzen. Die Pension, die wir uns aus dem Billighotelführer ausgesucht hatten, war eine alte kleine Dresdner Villa und lag ziemlich ruhig in einer kleinen Nebenstraße. Der Besitzer gab uns dann gleich noch einen Tip, wo eine gute Eßkneipe zu finden war und so ging unser erster Tag mit ein paar Bierchen gemütlich zu Ende.

Ein anderer Tip, den uns der Pensionsbesitzer am nächsten Tag gab, war die Existenz eines Radweges entlang der Elbe bis hinauf nach Heidenau. Wir dachten, wir könnten auf ihm in die Stadt fahren. Lediglich der Weg dorthin gestaltete sich schwieriger als erwartet. Ein paar Trampelpfade über die Elbwiesen waren der einzige Zugang. Bis wir das festgestellt hatten, waren wir bereits halb in der City. Die war dann aber um einiges kleiner, als erwartet. Innerhalb von zwei Stunden hatten wir alle Baudenkmäler, soweit sie nicht von Bauzäunen umgeben waren, angeschaut. Wir hatten auf Museen und Führungen einfach keine Lust und genossen dann einen Kaffee in Gegenwart einiger smarter Herren, die sich mit etwas Dresden-typischen beschäftigten -- mobil telefonieren und Immobiliengeschäfte dabei tätigen. Den Rest des Tages verbrachten wir dann nach einer kurzen Tour über den Elbradweg in der Nähe des "blauen Wunders".

Tags drauf ging die Fahrt wie geplant in Richtung Bad Schandau. Die Erfahrungen des letzten Tages hatten uns nicht davon abgehalten, mit unseren empfindlicheren West-Fahrrädern den Elbradweg zu probieren. Das ging auch ein paar Kilometer gut, bevor sich der Weg in einen holprigen Wiesenweg verwandelte. Aus Angst um meine Reifen verließen wir den Radweg und versuchten unser Glück auf der Straße. Das war dann Ostdeutschland pur. Übelstes Kopfsteinpflaster, schlechte Beschilderung dichter Verkehr und Baustellen am laufenden Meter strapazierten unsere gute Laune. Gegen Mittag versuchten wir, dem Verkehr auf der Bundesstraße zu entkommen und setzten bei Königstein mit der Elbfähre über, weil dort nach Auskunft eines netten Herrn der Radweg liefe. Der war dann zwar weniger befahren, aber dafür wieder so schlecht, daß wir uns überlegten, ob nicht vielleicht der Verkehr das kleinere Übel sei. Da hatte ich dann meinen ersten Platten. Einmal aufpumpen und wir schafften es bis Bad Schandau, wo wir bei Würzfleisch und einem Apfelschorle Mittagspause machten und im Kurgarten dann meinen Reifen flickten. Es war lediglich ein gewöhnlicher Splitter, der für das Loch verantwortlich war, nicht die schlechten Straßen. Zu unserer Überraschung war dann der weitere Weg auf der Bundesstraße bis zur Grenze wunderschön. Wenig Verkehr, eine frisch gerichtete Straße und dauernd der Ausblick auf die Elbe in dem relativ schmalen Tal.

Auch der Grenzübergang verlief problemlos, so richtig schienen weder den deutschen noch den tschechischen Grenzer unsere Personalausweise zu interessieren. Schnell noch an einer der unzähligen Wechselstuben 200 DM in Kronen getauscht und das Abenteuer Tschechei konnte beginnen. Es bestand zunächst in der Überwindung von einer Unzahl Touristen, die sich durch eine Gasse aus Verkaufsständen schoben, die meist nur Zigaretten anboten. Das war im wesentlichen das Dorf Høenso. Die Straße hinauf in die Berge (wir wollten uns die berühmte Felsbrücke Pravèická brána anschauen) war dann wieder überraschend menschenleer, lediglich einige abgestellte Autos zeigten uns, daß hier tatsächlich eine beliebte Wandergegend war. Nach einigen Kilometern hatten wir die Höhe erreicht. Ein Blick auf die Karte zeigte uns, daß wir die Abzweigung zu unserer Brücke übersehen hatten. Es war wohl ein fast nicht mehr leserlicher Wegweiser unterwegs gewesen, und wir hatten mit einem großen Parkplatz und vielen Leuten gerechnet, weil das Monument so bekannt war. Auch jetzt siegte unsere Faulheit und wir fuhren nicht wieder zurück. Da uns der Zeltplatz auch nicht so besonders zusagte, entfiel auch die Möglichkeit einer Wanderung und wir radelten nach einer Tasse Kaffee (turecka - das heißt einfach aufgebrüht) weiter. Der nächste Zeltplatz war uns ebenfalls nicht gut genug und dann sollte unbedingt es einer an einem See sein. So passierten wir auf unserer Tour durch die Hügel der sächsischen Schweiz noch zwei weitere Campings und standen plötzlich in am Rand der Stadt Èeska kamenice. Wir waren beide schon ziemlich erschöpft und waren einfach an der richtigen Abzweigung vorbeigefahren, da kein Wegweiser auf den Zeltplatz hinwies. Und nun? Ich fuhr einmal in der Stadt umher, aber außer einem angeblichen Hotel, das noch voll den Charme des Sozialismus ausstrahlte (quaderförmiges, schmutziggraues Gebäude mit vielen Fenstern) gab es nichts zu übernachten. Also wieder zurück, der steile Anstieg, der uns so viel Kraft gekostet hatte, war völlig umsonst gewesen. Nachdem auch an der Stelle, die ich vermutet hatte, der Weg in die falsche Richtung ging, fragten wir eine ältere Frau, die dort in der Nähe ihre beiden Enkel hütete, nach dem Weg. Sie verstand kein Deutsch, ich kein Tschechisch, aber sie begriff, daß wir den Campingplatz suchten. Mit Händen und Füßen gab sie uns zu verstehen, daß der offizielle Weg weit außen um die Berge führt, und sie uns eine Abkürzung (nur zehn Minuten) zeigen würde. Da müßten wir allerdings auch ein paar Mal absteigen und schieben. Die Abkürzung erwies sich dann als Waldweg durch ein wunderschönes Tal, der zum Abschluß über eine halbverfallene Brücke aus Baumstämmen einen steilen Abhang hinauf führte. Da hatte mein Reifen zum zweiten Mal an diesem Tag genug und ließ die Luft ab. Auch diesmal half Aufpumpen, da direkt nach unserer Kletterpartie der Campingplatz lag. So hatten wir uns das vorgestellt, lediglich der Weg wäre uns etwas einfacher lieber gewesen. Da es langsam dunkel wurde und ich nicht mehr zum Reifenflicken kam (diesmal hatte ein Stein oder eine Wurzel durchgeschlagen) testeten wir das kleine Restaurant neben dem Zeltplatz und genossen die dortige böhmische Küche, die uns aber ziemlich an eine Imbißbude erinnerte. Von den Speisen auf der Karte war lediglich noch Wurst mit Pommes Frites zu haben, garniert mit reichlich Bier.

Der nächste Morgen bescherte uns dann den "offiziellen" Weg zur Stadt. Natürlich wieder mit jenem kleinen Hügel dazwischen, den wir jetzt schon in alle Richtungen kennen und fürchten gelernt hatten. Èeska Kamenice war immer noch gleich häßlich wie am Vorabend, wir allerdings bedeutend besser gelaunt. Nach kurzem Einkauf der nötigsten Lebensmittel (sprich Wasser für unsere Trinkflaschen, da wir vom tschechischen Oberflächenwasser nichts besonders gutes gehört hatten), wollten wir uns mal böhmische Landschaften ansehen und fuhren in Richtung Èeska Lipa weiter. Über Nebenstraßen ging es ins Hügelland hinein. Schon am Vortag hatten wir gelernt, daß Bahnübergänge hier viel unebener als gewohnt sind, der Abstand Schiene - Straße ist in allen Dimensionen größer und deshalb sollte man rechtzeitig bremsen, wenn so ein Übergang droht. Die Hügel waren heiß, aber die Karte versprach uns für die zweite Hälfte des Weges einen Bachlauf. Es war eine idyllische Gegend, die Häuser sahen aus, wie man es bei uns aus der Darstellung ländlicher Gegenden der zwanziger Jahre kennt. Lediglich die Autos waren etwas neueren Datums.

Èeska Lipa erreichten wir zur Mittagszeit. Auf einem großen Marktplatz, der von älteren und ziemlich gut erhaltenen Häusern umgeben war, tranken wir in einer Eisdiele erst mal was. Die Eisdiele bildete mit den anderen Häusern einen interessanten Kontrast, da sie ziemlich westlich mit einem pinkfarbenen Rundbogen als Eingangstür und innen sehr modern in Chrom gestylt war. Da mir unsere Straßenkarte zu ungenau war, suchte ich nach einer Touristenkarte, auf der dann auch die Campingplätze eingezeichnet sein sollten. Ein erster Anlauf in einem Zigaretten- und Zeitungsladen brachte mir nur die ziemlich unhöfliche Antwort, ich möchte es doch im Èedok-Reisebüro nebenan versuchen. Das machte dann auch fünf Minuten später wieder auf und eine freundliche junge Dame bot mir dann auf Deutsch einen Stadtplan mit Erläuterungen an, was anderes hätten sie nicht und ich sollte es doch in einem Buchladen versuchen. Den hatten wir zwar noch nicht entdeckt, und so gingen wir auf Suche. Siehe da, in einer der angrenzenden Straßen gab es einen, sie hatten auch einen Hinweis auf Landkarten im Schaufenster und - tatsächlich geöffnet. Die Landkarten waren zwar im wesentlichen die bekannten Freytag-und-Berndt-Karten der europäischen Länder, aber es gab auch ein paar Wanderkarten, die uns weiterhelfen konnten. Da sie, wie auch sonst alles, für unsere Verhältnisse spottbillig waren (umgerechnet DM 1,20 pro Stück), nahm ich von den vorhandenen zwei Stück mit, die für die nächsten paar Tage ausreichen sollten. Inzwischen hatten wir außer Durst auch noch Hunger bekommen und bei unserem weiteren Streifzug durch die Stadt kamen wir an einem Markt vorbei, der auf einem Parkplatz abgehalten wurde. Es gab ein paar Holzbuden, die jedoch teilweise schon geschlossen hatten, eine Menge einfacher Stände, an denen Kleidung verkauft wurde, und eine größere Menge Buden, die Getränke, vor allem Coca Cola, Fanta, Sprite und Bier verkauften. Der Eingang zum Parkplatz wurde von ein paar jungen Männern bewacht, die den einfahrenden Autos die Park- und vermutlich auch Marktbesuchsgebühr abnahmen. Mit den Fahrrädern ließen sie uns anstandslos durch. Unser zweiter Versuch auf böhmische Küche endete wieder mal bei Zitronenlimo mit einer Portion Pommes Frites. Hmmm.

Für die Weiterfahrt mußten wir dann zum ersten Mal eine Hauptstraße benutzen. Zu unserer Überraschung hielt sich auch dort der Verkehr in Grenzen, zumindest war er nicht so dicht, wie wir das noch aus Ostdeutschland in Erinnerung hatten. Und die Straße hatte einen breiten Seitenstreifen, auf dem man jedoch etwas mehr auf Scherben und Steine aufpassen mußte. Immerhin konnte man etwas Abstand zu den Autos halten. Ein paar Kilometer weiter bogen wir dann auf absolute Nebenstrecken ab, fuhren durch ein Dorf, bei dem aus allen Lautsprechern entlang der Straßen zunächst Marschmusik und dann die Neuigkeiten und offiziellen Bekanntmachungen der Gemeinde kamen. Dazu waren also die altertümlichen Lautsprecher an Häusern und Strommasten, die uns bisher schon ein paar Mal aufgefallen waren. Die (vermeintlich größere) Gemeinde Strá¾ pod Ralskem entpuppte sich allerdings als eine Anhäufung von häßlichen Wohnblocks für die Arbeiter einer großen Industrieanlage. Was dort hergestellt wurde, blieb uns allerdings (vielleicht aus Mangel an Sprachkenntnissen) verborgen, ich hatte allerdings auch den Eindruck, daß in der Tschechischen Republik wenig Werbung bzw. Information über die hergestellten Produkte an den Fabriken angebracht ist. Da es immer noch ziemlich heiß war setzten wir uns in eine Art Biergarten. Es war zwar nicht klar, ob das Restaurant, das nebenan stand, jemals wieder öffnen würde, aber im Hof hatte in einem Schuppen ein Mann einen Getränkeausschank eingerichtet und ein paar Biertische und -bänke aufgestellt. Da der Campingplatz nicht mehr weit sein konnte, erlaubte ich mir erstmals ein Bier während der Fahrt - wenn die Tschechen es schon zum Frühstück vertrugen, konnte die Wirkung nicht allzuschlimm sein. Das war dann auch so und im nächsten Dorf gab es dann ein winziges Wegweiserchen, das auf den Campingplatz hinwies.

Der bestand aus einer Ansammlung von Hütten, bei denen die Aufschriften darauf hindeuteten, daß sie früher mal von irgendwelchen Firmen als Urlaubsmöglichkeit für die Arbeiter errichtet worden waren. Einige waren unbewohnt, vor den meisten stand jedoch ein ©koda. Die Rezeption des Platzes war in einem Kiosk, wo uns ein netter junger Mann begrüßte, einen Aktenkoffer mit den Verwaltungsutensilien für den Platz bringen ließ (Kugelschreiber, Anmeldeblock, deutsch-tschechisches Wörterbuch), meinte, daß Fahrräder nicht als Autos berechnet würden, er aber fünf Kronen dafür nehmen würde (für beide) und uns noch ein paar alte Ansichtskarten des Dorfes vom Anfang des Jahrhunderts zum Kauf anbot. Da diese recht schön aussahen, kauften wir ein paar, bekamen gegen Pfand den Schlüssel fürs Toilettenhäuschen, das 200 Meter weiter am Ende einer Wiese stand, auf der ein paar Baumaschinen abgestellt waren und dann durften wir unser Zelt irgendwo hinstellen. Zum Abschied sagte er uns noch, daß der See, wo man baden könnte, gerade dreihundert Meter da rüber sei. Außer der besagten Wiese war das Zelten nur in dem angrenzenden Kiefernwald möglich und so stellten wir unser Zelt dort ins hohe Gras mitten zwischen die Bäume. Ich machte mich auf den Weg zum See, obwohl der in unserer Landkarte nicht eingezeichnet war. Es war wirklich nur ein paar Meter, und der See war gerade noch ein paar hundert Quadratmeter groß, der Rest war Schilf und dabei, zu verlanden. Deshalb also auch nicht in unserer Karte. Als ich zurückkam, erfuhr ich, daß eine Dusche nicht vorhanden bzw. nicht benutzbar war. Na ja, bei den Preisen... Neben dem Rezeptionskiosk gab es ein Restaurant namens "Klondyke" (die Vorliebe für Bezeichnungen aus dem Wilden Westen ist mir auch später noch ein paarmal aufgefallen), im Dorf war allerdings auch ein Hinweis auf ein Restaurant angeschrieben gewesen. Da wir vermuteten, daß es sich bei dem Hinweis ebenfalls um das Klondyke handelte (was sich am nächsten Morgen auch bestätigte), sparten wir uns den Umweg und gingen dorthin zum "echt böhmisch" essen - Schweinesteak mit Pommes und Bier.

Am nächsten Morgen fuhren wir weiter durch die mittlerweile schon bekannte böhmische Hügellandschaft. Unser Ziel waren die Èesky raj, das "böhmische Paradies". Nachdem wir in einem Dorf ein kleines Mittagsmahl eingenommen hatten, bei dem wir unsere letzten mitgebrachten Vorräte dezimierten (d. h. den restlichen Käse und ein Stück hartes Brot aßen), sahen wir beim Aufbruch, wie sich aus Richtung Riesengebirge ein Gewitter näherte. Zunächst schien es, als ob wir dem Regen entgehen könnten, nachdem wir aber eine Umleitung und damit einen Umweg fahren mußten, erreichten uns die ersten Tropfen dann kurz vor einem Dorf. Glücklicherweise war auch in diesem Dorf eine überdachte Bushaltestelle vorhanden, allerdings ziemlich spät und wir wurden doch etwas naß. Die Haltestelle war gerade groß genug, um unsere Räder und uns unterzustellen. Gerade noch rechtzeitig, denn kurz drauf ging ein kräftiger Platzregen nieder. Nach einer Viertelstunde war der Guß vorbei, wir wagten es, weiterzufahren und schon 2 Kilometer später war die Straße trocken. Ohne Umleitung wären wir dem Regen wohl entgangen, aber da wir unterstehen konnten, war das nicht so schlimm gewesen. Am Rande der Straße sahen wir bereits ein paar Sandstein-"Pfannkuchen" als Vorgeschmack auf die bekannte Touristenattraktion. Dann tauchte plötzlich eine riesige Burg vor uns auf, völlig überraschend, nachdem die letzten Kilometer lediglich Natur gewesen waren. Für den Anblick mußten wir dann allerdings anschließend in Form einer kräftigen Steigung zahlen...

Nach kurzer Pause in dem Dorf Sobotka, fuhren wir über die gut ausgebaute Nationalstraße nach Jièin. Der Campingplatz von Sobotka war uns zu popelig gewesen und außerdem hätten wir jedesmal einen Berg ins Dorf rauf fahren müssen. Wir hatten anscheinend die Lektion des ersten Tages noch nicht gelernt. Jiè#n besaß auch einen Campingplatz, aber der lag im Industriegebiet und das wollten wir uns auch nicht antun. Da in allen vorhandenen Karten 8 Kilometer weiter zwei Campingplätze am See eingezeichnet waren, entschlossen wir uns, dorthin zu fahren. Mit Gegenwind kämpften wir uns durch die Hügellandschaft, dauernd von Autos überholt. Die Campingplätze existierten, tatsächlich direkt am See. Der erste rief den Eindruck von Jahrmarkt hervor, da direkt neben dem Eingang ein Autoscooter aufgebaut war, dazu dröhnte die passende Musik über den Platz und den See. Zum Glück gab es ja noch einen Hinweis auf den zweiten Platz, nur ein paar hundert Meter weiter. Der machte zwar auch keinen besonders guten Eindruck, aber war etwas leiser und wir wollten einfach nicht mehr weiter fahren. Da wir tags drauf die Felsenformationen besichtigen wollten, zahlten wir gleich mal für zwei Nächte. Uns wunderte etwas, daß Sanitäranlagen und Camping so weit auseinander lagen, aber damit muß man halt leben. Ein Herr, der etwas Deutsch sprach, war inzwischen an unserem vorgesehenen Plätzchen vorbei gekommen und gab sich als Platzaufsicht zu erkennen. Wir zeigten ihm die Quittung, daß wir gezahlt hatten und alles war in Ordnung. Der Platz war zwar nicht besonders schön und lag ziemlich zwischen ein paar anderen Zelten, aber wir waren erstmal zufrieden.

Nach einem kurzen Bad im See bzw. einer Dusche machten wir uns daran, essen zu gehen. Das Restaurant erwies sich als eine Art Kantine, mit Wochenspeiseplan und der Möglichkeit, auch außerhalb dieses Plans ein Bier zu trinken. Das war nicht unser Ziel und wir quälten uns nochmal auf unsere Räder, um im Dorf etwas zu essen. Dort hatten wir ein kleines Bistro-Cafe-Bar gesehen. Obwohl wir noch nicht sehr spät dran waren (es war erst kurz vor 19 Uhr), war schon mehr als die Hälfte der ohnehin wenigen Gerichte nicht mehr erhältlich. Immerhin gab es zum erstenmal noch ein knödelhaltiges Gericht. Wir hatten schon fast die Hoffnung aufgegeben, jemals die bekannten Semmelknödel probieren zu können. Zurück am Zeltplatz dröhnte uns auch hier laute Musik entgegen. In der Restaurant-Kantine fand jetzt eine Freitagabend-Disko statt. Zwei Flaschen Bier und eine Tüte Chips mußten her und so ging für uns der Abend am Seeufer zu Ende.

Nicht jedoch für die Besucher der Disko. Bis weit nach Mitternacht dröhnte die Musik über den Platz, anschließend quälte sich eine Menge meist betrunkener Besucher noch zwischen den Zelten durch. Neben uns hatte sich im Laufe des Abends noch eine Familie einquartiert, und es wurde auch dort noch lange und laut diskutiert, bevor laute Schnarchgeräusche zeigten, daß die Nachtruhe angebrochen war. Unter großer Überwindung machte ich am nächsten Morgen meine Morgentoilette (die Sanitäranlagen stanken fürchterlich nach Urin), um bei meiner Rückkehr von dem "Blockwart" gebeten zu werden, mich doch bitte anzumelden. Ich hielt das für ein Mißverständnis, da wir doch unsere Anmeldebestätigung tags zuvor gezeigt hatten, er blieb jedoch penetrant bis ich ihm erneut unsere Quittung zeigte. Jetzt war er endlich mit uns zufrieden, mußte jedoch noch in einem Nachbarzelt für Ordnung sorgen, da die dortigen Bewohner noch keine Anzeichen von Aufstehen zeigten. Erst als er diese Aufgabe gelöst hatte und sich ein verschlafenes Gesicht zeigte, ging er weiter. Die Aussicht auf eine weitere laute Nacht und das freundliche Personal auf diesem Platz brachten uns dann dazu, auf diese zweite Nacht und die Erkundung des "böhmischen Paradieses" zu verzichten und weiterzufahren. Mein Eindruck war, daß dieser Campingplatz einer Textilfirma aus Liberec gehörte und früher lediglich für die eigenen Werksangehörigen gedacht war. Um ihn besser zu nutzen wurde die angrenzende Wiese für andere Camper geöffnet, die dann leider 500 Meter bis zu Dusche/WC zurücklegen mußten. Die Disko war die Unterhaltung für die in den Häusern untergebrachten Jugendgruppen.

Teil 2

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Zurück ging es nach Jièin. Auch hier wieder, wie in Èeska Lipa, ein mit alten Bürgerhäusern umstandener, großer Marktplatz, diesmal jedoch gesäumt von Arkaden. Wir waren jedoch hauptsächlich hierhergekommen, weil ich für die kommende Strecke wieder Landkarten suchte. Direkt an der Ecke gab es einen Buchladen. Zu meiner Überraschung gab es hier jedoch keine Selbstbedienung, alles war in Regalen und Schränken untergebracht und man mußte die Verkäuferinnen um das gewünschte angehen. Auf meine Bitte um eine Karte vom Riesengebirge erhielt ich von einer Frau, die etwas Deutsch sprach eine Karte im Maßstab 1:25000. "Bitte ein Gebiet, etwa von hier bis hier", erbat ich, und bekam "haben wir nicht" zur Antwort. Auf meiner Suche nach einer anderen Quelle für die gesuchte Karte landete ich erneut vor der besagten Buchhandlung. Im Schaufenster entdeckte ich dann eine Karte, die genau das von mir gewünschte Gebiet umfaßte. Da ich jetzt die genaue Bezeichnung wußte und auf das Schaufensterexemplar verweisen konnte, bekam ich das gewünschte (von der selben Verkäuferin). Meine Bitte um die angrenzende Karte wurde nach kurzen Blick ins Regal wieder mit einem "haben wir nicht" beschieden. Wir verließen die Stadt Richtung Nordost.

Zunächst war die Gegend noch unbewaldet und leicht hügelig, nach einigen Kilometern ging es dann kräftig im Wald über einen Berg nach Nová Paka. In einer Bar-Bistro wollten wir eigentlich nur etwas trinken und eine kurze Pause machen, der junge Mann, der uns bediente war jedoch sehr nett und bot uns auf unsere Frage nach einer Kleinigkeit zu essen an, geschmolzenen Käse zu machen. So kamen wir zum ersten Mal in den Genuß dieser tschechischen Spezialität (wie uns der Reiseführer mitteilte). Das ist ein panierter und fritierter Hartkäse, der dort mit Pommes Frites als kleiner Imbiß gegessen wird. Die Freundlichkeit hob unsere schlechte Laune, die wir von den vorherigen Erlebnissen des Tages bekommen hatten. Nach dieser Pause ging es weiter - erneut war ein Gewitter im Anzug. Da wir nur unsere einfache Straßenkarte zur Verfügung hatten, konnten wir an einer Kreuzung nicht entscheiden, wie wir die vorgesehene Route erreichen sollten. So mußten wir die Hauptstraße von Prag ins Riesengebirge und nach Polen nehmen. Glücklicherweise bog der Hauptverkehr nach einigen Kilometern ab und wir konnten, nachdem wir das vorbeiziehende Gewitter unter dem Vordach eines Pförtnerhäuschens abgewartet hatten über die regennassen Straße mit wenig Verkehr in Richtung Trutnov fahren. Kurz vor dem geplanten Campingplatz wollten wir noch etwas trinken, in dem Dorfgasthaus war jedoch der einzige Tisch an der Straße besetzt. Wir mußten in die Gaststube, zu einer Wirtin, die den Eindruck hervorrief, es wäre schrecklich, bei ihr etwas zu trinken zu wollen, und dann auch noch etwas anderes als Bier... Die Einrichtung schien seit 40 Jahren nicht mehr verändert und seit 10 Jahren nicht mehr geputzt zu sein. Wir bekamen immerhin etwas zu trinken und fuhren weniger durstig dann die letzten Kilometer zum Zeltplatz weiter. Den hätten wir fast verpaßt, wenn nicht schon ein paar Zelte auf der Wiese gestanden hätten. Ein kleiner, aufgestauter Fischteich, eine Waldgaststätte und ein Klohäuschen mit zwei in 2 Metern Höhe endenden Wasserrohren als Dusche (im Freien und natürlich ohne Sichtschutz) - das war der Campingplatz samt angeschlossenen Freizeiteinrichtungen. In der Gaststätte gab uns ein junger Mann einen Schlüssel fürs Klo und sagte uns, wir sollten dann abends zahlen. Das war alles. Hier herrschte eine richtig friedliche, gelöste Atmosphäre. Das zeigte sich auch, als wir abends dann in die Kneipe gingen. Als wir fragten, ob wir etwas zu essen bekämen wurde erstmal die Oma aktiviert, die besser Deutsch verstand. Sie erklärte uns, daß wir Hackfleichküchle mit Pommes bekommen könnten. Gut, und so kamen wir wieder einmal zu einem typisch böhmischen Gericht. Der Abend wurde dann recht lustig, da immer mehr Menschen kamen und bei einigen Bierchen ihren Samstagabend verbrachten.

Wir entschlossen uns am nächsten Morgen, zur Schneekoppe, dem höchsten Berg des Riesengebirges, zu fahren. Ohne Gepäck ging es los, und an der Bushaltestelle, an die wir kamen, war zu sehen, daß erst 3 Stunden später ein Bus in Richtung Pec fahren sollte. Wir machten uns keine Gedanken, obwohl im Reiseführer stand, daß dorthin ein reger Busverkehr stattfände. Als wir dann mit dem Fahrrad weiterfuhren und uns der dritte Linienbus überholte, ging uns auf, daß wir an einer Haltestelle für die Überlandbusse geschaut hatten - die vielen lokalen Busse wären woanders losgefahren. Wir erreichten Pec am Fuße der Schneekoppe (Snì¾ka) und gliederten uns in die lange Schlange der auf die Seilbahn Wartenden ein. Nach einer Dreiviertelstunde kamen wir zur Kasse, wo uns mitgeteilt wurde, daß bei der gegenwärtigen Wetterlage (dunkle Wolken zogen von Norden her über das Gebirge) keine Rückfahrtickets ausgegeben würden. Die gäbe es dann eben bei der Bergstation.

Als wir am Gipfel ankamen, wehte ein kalter, kräftiger Wind, der dunkelgraue Wolken über den Himmel jagte. Ein Blick hinab nach Polen, wo es bereits regnete, ein paar Schritte über den Gipfel, dann fielen die ersten Tropfen. Der tschechische Grenzsoldat verzog sich in den Windschatten eines Holzschuppens. Wir beschlossen, daß die Aussicht nicht so gut sei und wir sofort wieder hinunter fahren würden. Erneut erwartete uns eine lange Schlange von Menschen, die den gleichen Gedanken hatten. Draußen ging ein kurzer Regenschauer nieder, die Seilbahngeräusche verstummten, einige Klingelsignale, die Seilbahn lief erneut an. Die Menschenschlange bewegte sich keinen Millimeter. Nach einer Viertelstunde entschlossen wir uns, den Abstieg bis zur Mittelstation zu Fuß zu machen und brachen auf. Der steile Abstieg vom baumlosen Gipfel strengte an, es regnete jedoch nicht mehr. Die Seilbahn stand immer noch. Als wir zu den Resten des Waldes kamen, sahen wir droben am Gipfel die nächsten Gruppen, die das Warten auf die Seilbahn satt hatten. An der Mittelstation wurde unsere Hoffnung, daß wenigstens die untere Teilstrecke noch befahren würde, zunichte. Ein junges Mädchen überholte uns im Laufschritt, als wir uns auf den weiteren Abstieg machten. Plötzlich fing es an zu regnen. Wir versuchten, unter dem Dach einer Fichte unterzustehen, nach wenigen Minuten regnete es jedoch auch hier durch und ein Ende des Gewitterschauers war nicht zu sehen. Die Bude war vielleicht noch 500 Meter entfernt und so rannten wir los. Klatschnaß kamen wir in die gut gefüllte Gaststube, wo wir dann auch das (trockengebliebene) Mädchen wiedersahen. Immer mehr völlig durchnäßte Wanderer kamen dann herein. Wir bekamen noch einen Kaffee, dann fiel der Strom aus und für die anderen blieb dann noch ein Schnaps zum Aufwärmen. Eine halbe Stunde später ließ der Regen nach und wir konnten den Rest des Abstiegs wagen. Ziemlich naß setzten wir uns auf unsere Räder und kehrten zum Zelt zurück. Kaum waren wir dort, hatte uns das Unwetter erneut eingeholt und wir bekamen Angst, daß das Zelt fortgeblasen oder fortgespült würde. Es hielt, aber die Wassermassen wurden vom Boden nicht so schnell aufgenommen und wir mußten in aller Eile unser Gepäck ins Zeltinnere holen, damit es nicht völlig durchnäßt wurde. Bevor das Wasser dann auch ins Zelt lief, war der Regen vorbei und wir entschlossen uns, wieder ein paar Pommes mit Würstchen in der Kneipe einzunehmen und uns dabei etwas aufzuwärmen.

Am nächsten Morgen war der Himmel klar, die Erdhummeln verließen in Scharen ihr Nest neben unserem Zelt und die Wespen stachen, wenn sie sich bedroht fühlten. Kurz, die Stimmung war sehr friedlich und gelöst. Wir radelten nach Trutnov, das eine ziemliche Aufbruchstimmung in der Bevölkerung verbreitet. Die Menschen waren freundlich und hilfsbereit und wir fühlten uns wohl. Auf Umwegen gelangten wir nach Teplice nad Metuj¡, wo es auf dem Campingplatz noch eine freie Hütte gab. Meine Verwandtschaft, die wir besuchen wollten, war nicht dagewesen und so versuchten wir, zunächst etwas zu Abend zu essen, bevor wir einen weiteren Versuch starteten. Da wir bereits am Nachmittag das unfreundliche Personal in einem Hotel kennengelernt hatten und keinen Wert auf Wiederholung legten, versuchten wir unser Glück woanders. In der ersten Pension bekamen wir ein kommentarloses "geht nicht" zu hören, ein zweites Hotel hatte Ruhetag und die Verwandten waren immer noch nicht da. Nach einer vergeblichen Abendtour von 20 Kilometern kamen wir am Kiosk am Zeltplatz an, wo es wenigstens etwas Warmes zu essen gab, auch wenn nicht ganz klar wurde, aus was die Nahrung bestand.

Nach dieser Enttäuschung wollten wir am nächsten Tag die Adr¹paski skály besichtigen. Die Felsen waren beeindruckend, allerdings auch die ziemlich perfekte Machart der Präsentation. Durch die Besuchermassen (es sächselte vernehmlich) blieb häufig keine Zeit, die Eindrücke zu verarbeiten. Zu einem kurzen Abendspaziergang wollten wir dann noch ein paar Schritte in die Teplicke skály, da wir aber fast allein waren und die Felsen in eine ganz andere Landschaft eingebettet waren als die von Adersbach, machten wir doch die gesamte Runde, immer gegen die Uhr, da wir nicht von der Dunkelheit in den Felsen überrascht werden wollten.

Es war Mittwoch und wir brachen in Richtung Hradec Králové auf. Eine kurze Stippvisiste bei meinen Verwandten, und dann ging die Fahrt über Náchod und Nové Mìsto nach Königgrätz. Die Landschaft wurde weiter, fruchtbarer und langweiliger. Die Strecke verging wie im Flug, da half sicher auch der kräftige Rückenwind. In Königgrätz sollte es zwei Campingplätze geben (laut Landkarte) und wir wollten auf den, der uns am nächsten Morgen den Weg nach Pardubice verkürzte. War aber nix, an der eingezeichneten Stelle gab es lediglich ein Freibad, von einem Campingplatz war weit und breit nichts zu sehen. Da wir keine Lust verspürten, wieder 7 Kilometer auf einer vierspurigen Ausfallstraße, die zum Überfluß auch noch eine große Baustelle war, in Richtung Stadt zurückzufahren, entschlossen wir uns zur Flucht nach vorn, wir fuhren weiter nach Pardubice. Davor lagen jedoch noch 5 Kilometer Hauptstraße und wir waren beide froh, als wir die überstanden hatten. Die Autos fuhren wie verrückt und wir konnten keinen an irgendwelchen Überholmanövern hindern. Einmal hupte es kurz hinter uns und ein Lastzug mit Anhänger überholte uns trotz eines entgegenkommenden Lastwagens mit voller Geschwindigkeit, was uns beide fast in den Straßengraben schleuderte. Da war dann die restliche Strecke durch die Elbebene eine regelrechte Erholung. Der Campingplatz von Pardubice liegt direkt neben dem Freibad und es sieht so aus, als ob einfach der Grünstreifen rund um einen ehemaligen Parkplatz zu einem Camping umfunktioniert worden wäre. Es gab jedoch sanitäre Anlagen (die sogar erstmalig seit Dresden warmes Wasser spendierten) und man konnte im Freibad baden. Die Stadt selbst hat eine sehr schöne Altstadt, die allerdings nicht sehr groß ist. Hier kamen wir dann erstmals in den Genuß eines richtigen Abendessens, es ist wohl in den Städten eher möglich, auch am Abend noch was zu Essen zu bekommen.

Am nächsten Morgen wollten wir den Zug nach Brno nehmen. Wir hatten zwar gehört, daß man die Räder im Zug aufgeben muß, aber wie das funktioniert, konnten wir uns nicht vorstellen. Als wir dann nach einigen Umwegen den Bahnhof erreichten, fuhr der Morgenzug nach Brno gerade ab, der nächste sollte erst am frühen Nachmittag fahren. Da wir aber aus Brno (Brünn) noch ein paar Kilometer raus fahren wollten, war uns das zu spät und wir disponierten um. Wir gaben unser Fahrrad als Reisegepäck auf, bekamen gesagt, daß das mit dem selben Zug ginge, mit dem auch wir fuhren und dann ging es ab nach Olomouc (Olmütz). Ankommen, zehn Minuten warten und wir hatten unsere Räder wieder (unbeschädigt). Wir wollten uns noch etwas die Stadt ansehen, was sich als etwas schwierig erwies, da Olomouc früher sehr reich und sehr deutsch war und sich deshalb des ausgiebigsten Straßenpflasters rühmen konnte, das wir kannten. Leider war es mit unseren Rädern absolut nicht befahrbar. (Wir hatten schon öfters festgestellt, daß es umso mehr gepflasterte Hauptstraßen gab, je wohlhabender eine Stadt aussah und je größer früher der Anteil der deutschen Bevölkerung war.) Da wir anschließend nicht über die Hauptstrecke die Stadt verlassen wollten und wir keinen Wegweiser fanden, mußten wir durch die Vororte kreuzen und dort jeweils nach dem Weg fragen. Das ersparte uns allerdings einiges an Pflasterstrecke. Schließlich waren wir auf der richtigen Strecke und fuhren durch die riesige Ebene der Hana. Die Größe der Getreidefelder ließ sich fast nur mit den USA vergleichen. Von der Sonne und dem Wind ausgedörrt kamen wir an den See bei Plumlov, wo ein Campingplatz war. "Ausgebucht", war da angeschrieben und wir konnten auch keinen Platz mehr ergattern. Nach einigem Nachfragen (auch hier verstand die Oma Deutsch) wurden wir auf zwei weitere Möglichkeiten hingewiesen. Bei der ersten wurden wir ziemlich unfreundlich abgelehnt, beim zweiten Camping war nicht mal mehr die Rezeption besetzt, lediglich ein Schild gab an "völlig besetzt". Daß ein Radfahrer nicht mal kurz 40 Kilometer weiterfährt zum nächsten Campingplatz wurde an diesen Plätzen (noch) nicht wahrgenommen. So mußten wir uns zurück nach Prostìjov quälen und fanden dort glücklicherweise eine wunderschöne Privatpension mit nettem Besitzer und Personal und einer hervorragenden Küche.

Unser Ausflug in den Mährischen Karst (moravský kras) am folgenden Tag verlief völlig anders als geplant. Nach einem kräftigen Anstieg versperrte uns eine Schranke die Straße und zwei junge Soldaten gaben uns zu verstehen, daß das jetzt Sperrgebiet sei, dort geschossen würde und wir einfach außenrum fahren sollten. Wir würden ja sehr sportlich aussehen. Bis wir das geschafft hatten, waren wir einige (überflüssige) Höhenmeter gefahren und hatten bereits an die 30 Kilometer geschafft. Bis zum Ziel waren es weitere 25 Kilometer. Ich mußte allein weiterradeln. Meine Enttäuschung war riesig, als ich an der Punkva-Höhle ankam und dort ein Schild verkündete, daß für heute keine Karten mehr erhältlich seien (das war gegen Mittag). Also zurück, mit einem kurzen Abstecher zur Macocha, einem tiefen Abgrund, der durch den Einsturz der Punkva-Höhle entstanden war. Tief unten sah ich die Besucher der Höhle, die etwas mehr Glück gehabt hatten. Bei großer Hitze entschloß ich mich zu einer anderen Strecke für den Rückweg. Völlig erschöpft und ausgetrocknet erreichte ich Prostìjov, auf den letzten Kilometern war kein Gasthaus mehr zu finden und meine Wasserflasche geleert. Glücklicherweise war Prostìjov eine Stadt und so gab es auch einen wunderschönen Biergarten...

Einen Vorteil hatte mein Ausflug: ich wußte, daß wir für unsere Fahrt nach Brno eine andere Strecke nehmen würden, da ich die geplante Strecke bereits kannte und sie eine gewaltige Berg- und Talbahn mit furchtbar schlechten Straßenbelägen war. So begann ein recht langweiliger Tag, der dann ab Mittag noch durch die große Hitze und einige kräftige Hügel in voller Sonne sehr anstrengend wurde. Die Landschaft gab nicht viel her und in einem Vorort von Brno fielen wir in ein Cafe ein und baten um eine Limo. Wir bekamen eine Zweiliterflasche - und leerten die innerhalb einer halben Stunde. Den Campingplatz, den wir suchten, gab es nicht (oder wir fanden ihn nicht, weil wieder keinerlei Hinweis zu finden war) und so mieteten wir uns kurzentschlossen erneut in eine kleine Privatpension ein. Dort fühlten wir uns gar nicht wohl, alles war extrem ordentlich, man traute sich nicht, zu duschen aus Angst, man könnte ein paar Tropfen verspritzen, aber es war eine Unterkunft. Mit dem Bus fuhren wir in die Stadt Brno, wo wir allerdings nicht mehr allzuviel sehen konnten. Es war Samstag abend, die Läden waren geschlossen, die Museen auch. Die Stadt selbst war schön, wir kamen in einer Touristenabfütterung endlich dazu, das tschechische Nationalgericht "Schweinebraten mit Kraut und Knödel" zu essen und saßen hinterher noch ein Weilchen in einer Kneipe neben dem Theater. Hier bekamen wir dann aber auch hautnah die Stadtatmosphäre mit - am Nebentisch saßen einige Leute, die den Samstagabend zum Besaufen nutzten und sich gegenüber der Bedienung und anderen Gästen ziemlich aggressiv verhielten. Das hatten wir bisher noch nie beobachtet.

Unsere Bitte um ein Frühstück führte am nächsten Morgen dazu, daß die Pensionsbesitzerin uns ungefragt ein großes Omelett mit Senffüllung, Käse, Schinken, Zopf ... auf den Tisch stellte - wir hatten ein Brot oder Brötchen mit Marmelade erwartet. Auch jetzt war die Stimmung sehr seltsam, es war das erstemal, daß ich mein Rad komplett auf der Straße belud, wir hatten die Räder aus dem Hof geholt, das Gepäck aus dem Haus und da standen wir nun. Unsere Laune besserte sich auch nicht, als wir weiterfuhren in Richtung Mikulov. Die Bedienung in dem Cafe war ziemlich unfreundlich, als wir dort einen Kaffee tranken, die Sonne brannte vom Himmel, die Landschaft war ziemlich langweilig, und der Camping, an den wir wollten, war wiedermal nicht zu finden. In einem Ort gab es zwar noch einen Privatplatz hinter dem Haus, aber der gefiel uns nicht, der See war überlaufen, wir waren schlecht gelaunt und so entschlossen wir uns, bereits am selben Tag über die Grenze zu fahren. Auf dem Weg nach Mikulov sahen wir dann den Hinweis zu dem von uns gesuchten Zeltplatz. Da die direkte Straße gesperrt war, hatten wir die Umleitung genommen, an deren Ende dann der Hinweis stand. Wir waren aber geistig schon auf der Ausreise und so fuhren wir nach Mikulov weiter. Keiner von uns verspürte Lust, bei der Hitze noch die Pflanzenwelt der Pálava oder die Aussicht in Richtung Wien zu betrachten. Mit einem letzten Kaffee verabschiedeten wir uns nach Österreich.