Radtourenwoche in Savoyen
geschrieben von Helga Labermeier
Wir fahren mit dem Campingbus um halb 9 in Zürich los. Bei strömendem
Regen überqueren wir - immer noch im Auto sitzend - Brünig und Grimsel
um möglichst schnell ins Wallis zu kommen, wo angeblich immer gutes Wetter
herrscht. In Vex, etwas oberhalb von Sion, stellen wir den Bus ab um endlich die
Räder zu besteigen. Arolla heisst das Ziel. Laut Denzel's grossem
Alpenstrassenführer soll das Val d'Herens das schönste Rhoneseitental sein,
auch wenn's selbst unter den Schweizern kaum bekannt ist. Tatsächlich ist es
genauso schön wie einsam. Vereinzelt auftauchende Orte wirken wie
ausgestorben. Am Talende sind die Gletscher greifbar nah. Wir sind allerdings
froh, dass uns in dem recht langen, unbeleuchteten Tunnel kurz vor Arolla kein
Auto entgegenkommt.
Absolut faszinierend sind die Erdpyramiden in Euseigne, die mittels eines kurzen
Strassentunnels ''durchfahren`` werden.
Wieder zurück am Bus geht's über den Grossen St. Bernhard. Da uns die
Tunnelgebühr zu teuer ist, fahren wir über den erst ab hier
sehr schönen Pass und erleben auf Passhöhe das eindrucksvolle Spektakel
einer Wetterscheide. Die Wolken jagen über den See und schaffen es doch
nicht, auf die Südseite zu kommen, die unter italienischer Sonne strahlt.
Die italienische Passseite ist so schön, dass wir kurz davor sind, in
Aosta zu bleiben um am nächsten Tag da noch hochzustrampeln. Beim Kleinen
St. Bernhard können wir dann allerdings wirklich nicht mehr widerstehen
und beschliessen - da's eh gerade dunkel wird - die Nacht neben zwei anderen
Campern kurz vor Passhöhe an einem wunderschönen See zu verbringen.
Der Blick aus dem Fenster zeigt den Mont Blanc in seiner ganzen Schönheit
unter strahlendblauem Himmel. Bin ich schon wach? Wir parken den Bus auf
Passhöhe und fahren mit den Rädern wieder zurück ins Aostatal nach
Pre St. Didier. Dort präsentiert sich dann das gesamte Mont Blanc Massiv.
Fast 4000 Meter sind's bis da oben! Wir erleben hier auch den Start eines
absoluten Amateurradrennens und fahren ca. 5 Minuten später hinterher. Der
erste Rennteilnehmer ist schnell überholt. In La Thuile befinden wir uns
bereits mitten im Feld und werden frenetisch angefeuert. Die Fans strecken
uns Bananen und Wasserbecher entgegen und ich kriege einen Schwall Wasser
ins Gesicht geschüttet. Wir kommen uns vor wie die ganz Grossen und die
Italiener verdienen sich bei mir einen dicken Pluspunkt.
Überhaupt ist dieser Pass einer der schönsten, die ich je gefahren bin.
Sehr gut zu treten, da er gleichmässig nur ca. 8% aufweist, sehr kurvenreich,
üppigste Almmatten links und rechts, allerbester Fahrbahnbelag (und das in
Italien!), immer wieder der Blick auf den Mont Blanc und trotz des Sonntags
hält sich der Verkehr sehr in Grenzen. Die Passhöhe ist viel zu schnell
erreicht.
Etwas abseits gönnen wir uns eine ausgiebige Mittagspause, bevor wir mit dem
Bus nach Seez abfahren. Die französische Passseite lockt mich deutlich
weniger. Das Gefälle ist so gering, dass wir ewig brauchen, bis wir endlich
den Campingplatz erreicht haben. Hier schlagen wir für die nächsten Tage
unsere Zelte auf. In Bourg St. Maurice flanieren wir noch durch die
Fussgängerzone und kaufen obligatorische Postkarten.
Der Iseran steht auf dem Programm. Obwohl wir's sehr gemütlich angehen
lassen und die Strecke erstmal hauptsächlich im Schatten verläuft,
tropft der Schweiss bald aus allen Poren. Bis Val d'Isere gefällt's mir
überhaupt nicht. Zu viel Schwerlastverkehr nebelt uns immer wieder in
dicke Russwolken. Zwischen Tigne und Val d'Isere müssen wir auch einige -
teilweise recht lange - unbeleuchtete Tunnels durchfahren. Ich bin froh, als
ich heil durch bin. Ab Val d'Isere geht's dann richtig los. Dieser Pass ist so
genial in die Landschaft eingefügt, dass man die Streckenführung oft nicht
mal auf dem nächsten Kilometer erahnen kann. Und immer wieder lesen wir
bekannte Namen auf der Strasse. Tony, Riis, Indurain, Virenque... Wollte hier
nicht letztes Jahr die Tour drüber? Vielleicht ist deshalb der Strassenbelag
auch so gut. Der gesamte Pass ist nicht sonderlich steil aber einigermassen
unrhythmisch. Ich schalte viel. Wenngleich der Iseran noch ein paar Meter
höher ist als das Stilfserjoch und eine viel schönere, unverbaute
Passhöhe aufzuweisen hat, mit dem besonderen Flair des Stilfserjochs kann
er bei weitem nicht mithalten.
Der Blick zum Himmel lässt uns prophylaktisch, wenngleich auch unnötig,
die Regensachen einpacken. Kurz nach dem Campingplatz geht die Strasse auf den
Cormet de Roselend ab. Ein kleines Strässlein durch unglaublich schöne
Landschaft. Allerdings teilweise doch knackig steil. Nach 2/3 des Passes
wäre ein Abstecher nach Ville des Glaciers evtl. sehr lohnend, wenn das
Mont Blanc Massiv nicht in Wolken gehüllt wäre. So wissen wir allerdings
immer noch nicht, wie weit die Strasse in dieses Tal asphaltiert ist.
Die Passhöhe des Roselend lassen wir hinter uns und fahren bis zum Stausee
300 Höhenmeter tiefer ab und auf der anderen Seite der Staumauer zum Col de
Pré, der angeblich ebenfalls prächtige Ausblicke bietet. Trotzdem lohnen
sich die 100 zusätzlichen Höhenmeter allein wegen dem Blick auf den
smaragdgrünen See, den wir kurz darauf badenenderweise testen.
Auf der erneuten Auffahrt zum Cormet de Roselend sind wir wieder ständig
beschäftigt, letztjährige Tour de France Inschriften zu lesen.
Die erste Hälfte der Abfahrt ist schnell. Der Belag ist gut geflickt.
Danach werde ich auf meinem Rennrad grausam durchgeschüttelt. Stefan mit
dem Mountainbike und Matthias auf dem Tourenrad kommen etwas besser über die
Unebenheiten. Bei der Abfahrt merke ich auch erst, wie steil der Pass doch
war. Vor allem einige Kehren sind so steil und eng, dass ich mein Rad fast ums
Eck trage, da der Verkehr inzwischen auch zugenommen hat und wir die Strasse
nicht mehr für uns allein haben wie noch am Vormittag.
Wieder im Tal gehen wir in den Supermarkt um für's Abendessen einzukaufen
und ich stelle fest, dass mein Triathlonlenkeraufsatz (der hier in den Bergen
ziemlich unnötig ist, ich war aber zu faul, ihn abzumontieren) wenigstens
einen hervorragenden Baguetteträger abgibt.
Wir wechseln unseren Standort und fahren mit dem Bus über den Col de la
Madeleine nach La Chambre um kurz darauf den Pass auch noch radelnderweise
auf uns zu nehmen. In der sengenden Mittagshitze verweigert mein Stirnband
schon nach 2 km seinen Dienst. Nur sehr selten erfrischt uns eine leichte
Brise und genauso selten bietet ein Baum ein wenig Schatten. Wir lenken uns
mit Lesen ab. Die kompletten 20 km sind ganz frisch beschrieben, sind doch erst
vor 10 Tagen die Profis hier drüber. Erinnerungen an eine auf Passhöhe
miterlebte Giro-Etappe kommen auf. Man hört noch fast das Echo der
x-Tausend Zuschauer. So erreichen wir recht schnell die Passhöhe dieses
relativ steilen Passes. Zum ersten Mal bin ich froh um meine
1:1-Übersetzung. Sehr positiv ist, dass wir den Pass, der dazu noch recht
gut ausgebaut ist, fast für uns allein haben. Oben geniessen wir die ruhige
Passhöhe, welche Ausblicke vom Mont Blanc bis zum Ecrins-Massiv bietet.
Wir wollen die Runde Col de la Croix de Fer - Col de la Glandon radeln und
landen erstmal in einer Sackgasse. Von der richtigen Strasse trennt uns die
Bahnlinie und nach kurzem Zögern wagen wir es, als der Zaun einen Durchschlupf
bietet, über die Gleise zu springen. Die Strasse ist aber ein Alptraum. Da die
daneben verlaufende Autobahn noch nicht ganz fertig ist, donnert dichtester
Verkehr an uns vorbei. (Auf der anderen Flussseite gäbe es noch eine schöne
Nebenstrasse.) In St. Jean de Maurienne entschliessen wir uns dazu, nicht die
direkte Strecke zum Croix de Fer, sondern die erheblich interessanter aussehende
Alternative über Albiez und Col du Mollard zu nehmen, auch wenn wir uns
dadurch ca. 300 zusätzliche Höhenmeter aufbürden. Aber die 46 Kehren
über das absolut einsame Waldsträsschen sind einfach genial. Noch besser
wäre es, wenn ich mir nicht den Magen verdorben hätte. Mir wird immer
übler. Nach 1000 Höhenmetern beschliesse ich, die Männer allein
weiterfahren zu lassen. Nach ein paar abgefahrenen Metern will ich mir doch
noch die Jacke anziehen, als mir - mit dem rechten Fuss noch eingeklickt -
das Rad wegrutscht, ich das Gleichgewicht verliere und mir das
Knie aufschlage. Mein Kreislauf geht sofort in den Keller und endlich werde
ich mein Frühstück los. Schlagartig geht's mir besser und nun will
ich wenigstens noch den Col du Mollard fertigfahren. Das geht auch recht
gut und da mein Wille ziemlich stark sein kann, will ich es mir antun und mich
den Croix de Fer hochleiden. Ganz so schlimm wird's Gott sei Dank aber
nicht. Die ersten 7 km nach der Abzweigung vom Mollard sind recht flach und
irgendwie schaffe ich die letzten 500 Höhenmeter auch noch, obwohl's
da dann schon recht steil ist und mir vor allem die fehlende Flüssigkeit
zu schaffen macht. Von der Umgebung kriege ich recht wenig mit, sehe
hauptsächlich die nächsten beiden Meter auf der Strasse. Einzig die
französische Antwort auf die 3 Zinnen - der Aiguilles d'Arves - kann
etwas Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Die Abfahrt über den Glandon entschädigt für jegliche Qual. Eine tolle,
kurvenreiche, aber sehr flüssige Genussabfahrt auf grösstenteils
sehr guter Strasse.
Der Himmel hält sich bedeckt und von uns ist niemand so richtig motiviert, die
``Königsetappe'' auf den Galibier zu machen. Wir beschliessen stattdessen
nach Montvernier und weiter über den Col de Chaussy zu fahren, da im Denzel
ein sagenhaftes Bild dieser kehrenreichen Strecke (24 Serpentinen auf 4 km!)
abgebildet ist. Tatsächlich muss man fast schwindelfrei sein wenn man die
Strecke fahren will, neben der auch ein tollkühn angelegter Klettersteig
angelegt ist. Stefan und Matthias ärgern sich, dass sie ihre
Kletterausrüstung nicht dabei haben. Auf den gut 1000 Höhenmetern bis
zur Passhöhe stören uns ganze 6 Autos. Wiedermal wird klar, dass es nicht
unbedingt die grossen Namen sein müssen, die einem zu einer schönen Tour
verhelfen.
Die Abfahrt nach Bonvillard ist auch mit dem Rennrad noch ganz gut zu machen.
Stefan will anschliessend die Strasse, die von Bonvillard durch's Skigebiet zum
Col de la Madeleine führt, ausprobieren. Da auch gerade ein Rennradler von
dort runterkommt, wage ich das ebenfalls Risiko und gehe prompt ziemlich ein.
Nach ca. 5 steilen Kilometern hört der Asphalt auf und geht in sehr groben
Schotter über. Laut Stefan macht die Strecke nicht mal mit dem MTB richtig
Spass. Ich schiebe und das Ganze geht deutlich länger als befürchtet.
Gut 200 Höhenmeter vor Passhöhe stossen wir wieder auf die normale
Strasse. Wie schön ist es, wieder flüssig fahren zu können. So sehen wir
das Passhöhenschild vom Col de la Madeleine nun schon zum 3. Mal. Die
Sicht ist diesmal allerdings schlecht und warm ist's auch nicht gerade. So
fahren wir recht bald ab und verbringen den Rest des Nachmittags damit,
unsere übrigen Francs in einem Supermarkt loszuwerden.
Bei wieder bestem Wetter müssen wir die Heimreise antreten. So umständlich,
wie wir Frankreich erreicht haben, fahren wir auch wieder zurück. Bereits
wieder in der Schweiz, sehen wir am Col de la Croix zum letzten Mal frische
Tour-Beschriftungen. Dieser Pass und die bisher noch nicht gekannte tolle
Landschaft um Les Diablerets gefallen mir so gut, dass ich schon wieder ganz
glänzende Augen kriege in der Vorfreude hier sicher bald ein paar
Schweisstropfen loszuwerden.
Noch Fragen?
Weitere Infos gibt es bei mir:
Helga Labermeier
Heizenholz 35
CH-8049 Zürich
Helga Labermeier
Wed Aug 6 13:33:55 MET DST 1997
1997-08-06; 2010-02-21 [count: 517] (http://www.velofahren.de/Savoyen.html [1977])