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Vier Wochen auf Gotland

Karl Brodowsky 1998-07-03 bis 1998-08-02, geschrieben 1998

Zweite Woche

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(1) 1998-07-13

Gotland hat vielleicht pro Einwohner die höchste Dichte an gotischen und romanischen Kirchen der Welt. Fast jedes Dorf hat eine, insgesamt sind es fast 100, bei etwa 50 000 festen Einwohnern. Lummelunda hatte auch eine, der wir natürlich einen kleinen Besuch abstatteten.

Irgendwie hatten wir noch einen Vogelsee in Erinnerung. Eigentlich war die Gegend von Lummelunda einst ein riesiger See- und Moorkomplex, aber im Eifer der Agrarisierung hat man das alles trockengelegt. Ein bißchen zu trocken, so daß Bewässerung wünschenswert erschien. Dafür wurde ein kleiner Teil des ehemaligen Sees eingedeicht und zum Wasserreservoir gemacht. Das war also der Vogelsee. Der Weg auf dem Deich ist natürlich toll, man geht teilweise zwischen riesigen Schilfpflanzen, insbesondere aus der Perspektive der Kinder.

Danach war es natürlich viel zu langweilig und zu früh, einfach wieder über die Nebenstraße zurückzugehen. So machten wir auf kleinen Feldwegen einen Bogen nach Süden, über einen Gutshof und an ein paar neumodischen Windmühlen vorbei. Die waren imposant und fast ein schöner Anblick, jedenfalls wenn man an die sanfte Stromerzeugung denkt, aber der Radau war doch zu viel für eine Plazierung im Vorgarten. Die N 149 ließ sich recht gut queren und wir kamen nach Nyhamn an eine ganz schöne Stelle der Küste. Es gibt in der Steilküste immer wieder kleine Unterbrechungen durch flachere Küstenabschnitte und so etwas war dort, mit Bademöglichkeit, wie sich leicht ahnen läßt. Irgendwie auf etwas abnehmender Wegqualität kamen wir an der Oberkante der Steilküste entlang nach Norden. Zum Teil haben wir zu zweit die Kinderwagen nacheinander über die steilsten Abschnitte bewegt, einer konnte mit einem Seil ziehen, einer auf die übliche Art schieben.

Schließlich führte ein Waldweg von der Küste weg. Von dem kamen wir dann recht bald wieder auf einen Seitenweg nach Norden, der recht gut begehbar war. Dort gab es so viele Walderdbeeren, daß es uns kaum gelang, überhaupt noch am selben Tag weiterzugehen. Der Weg war immerhin sogar mit Kinderwagen einigermaßen benutzbar, bis er dann aber doch ziemlich unscheinbar auf unseren Waldweg mündete, womit wir schon fast wieder in dem Häuschen waren. Nur meine Regenjacke war nicht dabei, dabei hatte ich die auf dem windigen Steilküstenabschnitt noch gehabt. Also war wieder eine Runde Biken angesagt, ich fuhr also über unseren Waldweg und den unscheinbaren Seitenweg bis zur Küste, aber die Jacke war weg. Bei dem Wind wohl einfach weggeblasen. Vielleicht war dann schon bald eine Fahrt nach Visby fällig?

Ziemlich traurig machte ich noch eine kleine Runde bis zu den Grotten und zurück, dann wollte Karin aber mit mir im dunklen Wald noch zu Fuß die Jacke suchen, da sie ja auf dem Weg oder so liegen müßte. Sie kam sogar auf die Idee, einen entgegenkommenden Fußgänger danach zu fragen. Und der hatte sie ein paar Stunden davor gefunden.

(2) 1998-07-14

Jetzt sollte es einmal einen richtig langen Ausflug geben. Stora Karlsö ist eine kleine Insel, die den Namen "Stora Karlsö" nur deshalb tragen darf, weil Lilla Karlsö noch kleiner ist. Ein recht früher Bus brachte uns morgens nach Visby, wo Karin die Umsteigezeit noch für einen Einkauf zu nutzen verstand, dann kam nämlich schon der nächste Bus nach Klintehamn. Von dort fährt ein kleines Bötchen nach Stora Karlsö. Es war ja wieder sehr windig, aber das Boot fuhr. Für Christina hatten wir eine Rückentrage dabei. Auf der Insel gibt es nämlich einen geführten Rundgang und man soll nur mit diesem die lange Runde gehen, damit die Natur geschont wird. Das war schon toll, wie in den steilen Felswänden hunderte von Vögeln nisten. Zum Baden blieb auch noch Zeit. Die Rückfahrt war noch windiger. Mit den Bussen kamen wir wieder mit Umsteigen in Visby nach Lummelunda.

(3) 1998-07-15

Nun war Stenkirka, wo wir ja immer wieder den einen oder anderen Einkauf erledigten, das Ziel einer kleinen Fahrt mit der ganzen Familie, auf die übliche Art mit Fahrrad und Bus. Es gab dort nicht nur eine schöne romanische Kirche, sondern auch ein Freilichtmuseum. Das gibt es in Schweden recht häufig und in Norwegen wohl sowieso. Dort gab es nicht nur ein paar alte Bauernhäuser, sondern auch ein dorthin versetztes Sonnengrab, also ein Steinkreis von vielleicht zehn Metern Durchmesser, dessen Fläche mit allerlei interessanten Strukturen ausgefüllt war.

Dann gab es noch ein paar Kilometer weiter einen Anger, also eine alte Baumwiese oder so etwas, die eine früher übliche Kulturlandschaftsform wiedergeben soll. Da waren wir schon fast in Ire, wo ich mit Heidrun auf dem Rückweg noch einen kurzen Blick auf die Wellen warf. Dann war es aber echt anstrengend, noch nach Lummelunda zu fahren.

Trotzdem war es irgendwie noch nicht so sehr spät und Bernhard wollte auch noch einmal etwas mit mir unternehmen. Außerdem hatten wir beim Kräutergarten eine Flasche Sonnenschutzmittel vergessen. Also fuhr ich mit Bernhard nochmal zum Kräutergarten, aber da war nichts zu holen. Dann gab es eine Straße über Väskinde zur N 148, die ja bekanntlich nach Tingstäde führt. Das muß die bei weitem größte Straße sein. Trotz ganz geringem Verkehrsaufkommens gibt es einen Abschnitt von ein paar Kilometern, der vierspurig ausgebaut ist. Die N 148 war eher schmal, aber doch breit genug für den Anhänger. Bernhard hatte sich anscheinend bei früheren Gelegenheiten ein paar Wegweiser gemerkt, jedenfalls konnte er aus der Entfernung von Tingstäde nach Stenkirka mir ungefähr sagen, wie weit es so nach Lummelunda sein müßte. Daß es dann doch etwas kürzer wurde, weil wir nicht über Stenkirka fuhren, ist noch eine andere Geschichte.

(4) 1998-07-16

Irgendwie wollten wir einmal wieder eine richtig lange Fußwanderung machen. Anhand der Karten, die man immer wieder sehen konnte, schien sich eine Möglichkeit abzuzeichnen, von Norden her parallel zur Küste abseits der N 149 eine solche Wanderung zu machen. Um es nicht ganz zu übertreiben, fuhren wir mit dem Bus zu einer Abzweigung nördlich von Stenkirka und gingen von dort nach Lickershamn, wo man sogar noch baden konnte. Außerdem gab es dort sehr schöne Raukfelsen. Gotland war ja früher einmal ein Korallenriff und da haben sich verschieden harte Materialien gesammelt. Heute werden die weicheren Sachen zuerst weggespült und es bleiben ganz interessante Figuren übrig, die man "raukar" oder Rauksteine oder so nennen darf.

Dann folgten wir einem belebten und gut ausgebauten Wegenetz parallel zur Steilküste, aber das ging irgendwie nur so mitteleindeutig weiter, so daß wir zu der Annahme kamen, daß ein weiter im Landesinnern gelegener Weg besser geeignet sei. Komischerweise gab es den auch nicht und dann war auch noch der eine oder andere Weg zu schlecht für die Kinderwagen. So folgten wir einem Waldweg, der auf den Nordrand von Stenkirka zulief. Mit viel Zickzack durch eine Siedlung und ein paar Versuchen, die für uns in Stichwege führten, waren wir schließlich in der richtigen Richtung unterwegs. Übrigens ein sehr schöner Spaziergang. Wo die Wege von dem Naturschutzgebiet auf die etwas flachere Steilküste treffen, wollten wir hoch und dann an der oberen Kante entlang bis zu unserem Waldweg gehen. Das war gar nicht so einfach, denn die Steilküste war hier doch steil. Aber wir schafften das alle und kamen recht müde an.

Unsere Vermieter hatten uns ein Fahrrad geliehen, das noch schlechter war als das in Visby gemietete, aber es fuhr. Als die Kinder im Bett waren, machte ich also mit Karin noch eine kleine Runde nach Binge, das so ungefähr dort liegt, wo der auf der alten Bahnlinie verlaufende Weg beginnt.

(5) 1998-07-17

An diesem Tag war einpacken fällig. Alle Koffer, Rucksäcke und alles. Außerdem muß man das Haus noch ein bißchen wischen. Irgendwie gelang es uns aber doch, aufzubrechen. Karin fuhr mit allen Kindern im Bus, denn ich hatte einen großen Rucksack, den Koffer und sehr viel "Kleinkram" im Anhänger. Wir fuhren nach Visby, wo wir in der Jugendherberge übernachten wollten. Kurz vor der Abfahrt mußten wir noch unsere vielleicht doch etwas überdimensionierten Eisvorräte aufessen. Und natürlich bekamen wir von unseren Vermietern zum Abschied auch noch jeder ein Eis.

Es war ja noch früh genug und eigentlich die ideale Gelegenheit, ein bißchen von Visby zu sehen. So machten wir noch eine kleine Runde durch die Altstadt, Heidrun konnte schon ein bißchen selber laufen. Aber wo war sie denn geblieben? Keine Heidrun zu sehen. Wo ist Heidrun? Mit Rufen war sie auch nicht anzusprechen. Netterweise paßten andere Leute, die unsere Situation mitbekommen hatten, auf Christina, Bernhard und Ulrich auf. Die Stelle war dann auch unser Treffpunkt, während Karin und ich und mit der Zeit auch einige andere Leute eine immer größer werdende nähere Umgebung durchkämmten. Das war total frustrierend, keiner hatte Heidrun gesehen, keiner wußte etwas und schon gar nicht lief uns die Kleine selber über den Weg. Wo ist Heidrun?

Mit der Zeit wußte ich, wie ich Heidrun auf Schwedisch beschreiben kann. Aber trotzdem war keine Heidrun zu sehen. Eine unserer Helferinnen machte schon recht bald einen Anruf bei der Polizei. Das war gut, wir konnten nicht gut telefonieren, da wir weder ein Mobiltelefon hatten noch in der Aufregung besonders gut zu einer telefonischen Plauderei mit der örtlichen Polizeidienststelle aufgelegt waren. Wo ist Heidrun? Nach einer Weile fand ich dann aber wenigstens eine Spur. Leute auf der Straße, in Restaurants u.s.w. hatten sie gesehen und konnten eine Richtung nennen, die allerdings schon aus der Innenstadt herausführte und eher zu den großen Kreuzungen etwas außerhalb der Altstadt. Ich bat in einem Laden nochmal darum, bei der Polizei anzurufen, damit sie vielleicht gezielt in der richtigen Gegend suchen.

Da traf ich dann aber schon ein Paar, die mich zu einer Frau führten, die Heidrun zur Polizei gebracht hatte. Eine Mutter, die uns beim Suchen geholfen hatte, ging mit mir mit zur Polizei, eine andere holte Karin und die anderen Kinder. Dort saß Heidrun, war ein bißchen apathisch, und hatte von einem netten Polizisten ein Eis bekommen. Als ich sie dann fragte, was sie zu der Kreuzung meinte, war nur ihr Kommentar: "Das kann ich schon schaffen". So ganz freiwillig war sie wohl nicht zur Polizei mitgekommen...

Sie hatte uns irgendwie noch etwas von Tunnels erzählt, also den Stadttoren, die sie durchqueren mußte, um nach draußen zu kommen. Und die Richtung war etwa diejenige, aus der wir gekommen waren. Vielleicht wollte sie ja zur Jugendherberge gehen.

(6) 1998-07-18

Am nächsten Tag waren wir vormittags noch einmal kurz in Visby, wo wir viele Leute trafen, die am Tag vorher mitbekommen hatten, daß Heidrun verschwunden war und jetzt wieder aufgetaucht war.

Nun ging es wieder mit einer ordentlichen Anhängerladung auf den Weg, diesmal nach Slite, das etwa 36 Kilometer von Visby entfernt liegt. Das Haus, das wir dort gemietet hatten, war recht groß, so daß wir gar nicht alle Räume nutzen konnten. Es gab einen Garten, ein schönes Wohnzimmer, einen verglasten Balkon, einen Keller mit Sauna, eine schöne Küche und so weiter. Heidrun quartierten wir in unserem Stockwerk ein, während Bernhard und Ulrich im Keller ein schönes Zimmer bekamen. Das war natürlich wirklich spannend, denn im Keller waren riesige Stofftiere, vor allem ein großer Tiger und ein Hund, den Bernhard und Ulrich "Strudel" nannten. Ob das mit dem Schlafen etwas würde, war also noch nicht so klar.

(7) 1998-07-19

Slite war nun ein bißchen weniger naturnah gelegen als Lummelunda, denn es gab dort eine riesige Grube und eine kleine Zementfabrik mit Hafen. Aber man konnte doch einen ersten Spaziergang wagen, der an dem Hafen entlang zu dem Bootshafen führte. Einkaufen konnten wir jetzt in Slite selbst, es war nicht mehr nötig, bis nach Stenkirka zu fahren.

Abends war wieder die übliche Fahrt nach Tingstäde fällig, nicht einmal auf dem kürzesten Weg. Von der Straße nach Visby zweigt ein paar Kilometer hinter Slite eine Straße ab, die sich mit der regulären Straße nach Tingstäde vereinigt. Irgendwo mitten im Gelände war dann plötzlich eine große Brücke, wie über eine Autobahn oder so etwas. Beim näheren Hinsehen war das auch tatsächlich so etwas, allerdings ohne Asphalt und ohne Grünstreifen in der Mitte. Das mußte wohl mit der Zementfabrik von Slite zusammenhängen.

Diesmal war es schon dunkel, als ich in Tingstäde ankam, aber baden kann man ja auch nachts, dann braucht man sich nicht einmal um Zuschauer zu kümmern. Obwohl es schon recht spät war, wollte ich an diesem abend doch noch eine etwas ausgedehntere Fahrt machen. So fuhr ich erstmal auf der N 148 bis nach Visby und dann von dort auf der N 143, die ich an dem abend, an dem wir dort übernachteten, schon gesehen hatte, nach Ost-Süd-Ost. Irgendwann hatte ich dann doch das Gefühl, daß ich langsam nach Norden fahren sollte und so kam ich über viele kleine und größere Asphaltstraßen schließlich irgendwo zwischen Slite und Visby auf die N 147. Der zweite Teil des Weges von Visby nach Slite ist sowieso schöner, jedenfalls kann man nachts nicht so leicht das Gegenteil beweisen.

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