Home »» Reiseberichte »» Nordeuropa »» Ostdänemark

Bornholm - Kunst, Sturm und Hering

Eine Genussreise mit dem Fahrrad vom 1. bis 9. September 2006

Klaudia Gottheit 2006

Tourverlauf:

Hamburg - Travemünde Skandinavienkai - Trelleborg (S) - Ystad (S) - Rønne (DK) - Hasle - Hammershus - Sandvig - Gudhjem - Svaneke - Rønne - Ystad - Trelleborg - Travemünde - Hamburg

Sehenswertes:

Wissenswertes vorab:

Surfen und buchen: www.bornholminfo.dk

Fähren: Lübeck-Travemünde - Trelleborg mit www.ttline.com,

Ystad - Rønne in 75 Minuten mit www.bornholmstrafikken.de, mehrmals täglich Katamaran-Schnellfähren, 22 Euro pro Person und Rad (alle in diesem Text genannten Preise sind von September 2006)

Freitag, 1. September: Zwei Pedal-Amazonen stechen in See

Wir müssen mit den Rädern da hoch! In die Ladeluke der "Nils Holgersson". Schließlich wollen wir morgen in Trelleborg unsere Tour starten. Also stellen wir uns brav zwischen die LKW-Anhänger, die in unübersehbarer Zahl vor der steilen, Rampe stehen und warten, bis auch wir hoch gelotst werden. Ob das so schlau war, die Fahrräder auf eine Autofähre mitzunehmen?

Aber wenn wir Radurlaub machen, dann richtig. No car allowed! Wir, das sind meine Freundin Inge und ich. Zwei Hamburger Deerns, die hin und wieder den Norden per Pedal durchstreifen. Die Reiseetappen legen wir vorher im Groben fest, alles Weitere findet sich auf der Reise. Je nach Lust, Kraft und Wetterlage. 2006 haben wir uns vorgenommen, Bornholm zu erkunden. Anfang September schien uns die geeignete Zeit. Dann ist Nachsaison, der Hauptstrom der Touristen ist abgeebbt und das Wetter ist noch schön. Meistens? aber nicht 2006! Echte Pedal-Amazonen wie Inge und ich lassen sich jedoch von ein bisschen nordischem Wind und Regen nicht abschrecken!

Info:

Die Bahn-Card 50 gilt im Regionalverkehr Schleswig-Holstein nur zu 25 Prozent. Von Hamburg fährt stündlich ein Regionalzug über Lübeck, dort nach Travemünde umsteigen. Der Lübecker Bahnhof wird zurzeit umgebaut und der Anschlusszug fährt nicht immer vom selben Bahnsteig. Tipp: Einen Mitarbeiter am Servicepoint (Treppe hoch) bitten, dass er die Lastenaufzüge betätigt. Travemünde-Skandinavienkai ist ausschließlich auf LKW- und PKW-Verkehr eingestellt.

Sonnabend, 2. September: An der Ostsee entlang nach Ystad

Trelleborg - Ystad - Rønne - Sorthat

Um halb acht morgens legt unser Dampfer in Trelleborg an und wir müssen zügig an Land. Wieder über eine Rampe und anschließend durch den Autoverkehr, aber das kennen wir ja schon. Wir mogeln uns irgendwie aus dem Hafengelände heraus und stehen an einer mehrspurigen Straße mit Radweg. Das ist die Straße Nr.9 (im Ort: Havnegatan), die man mit einer deutschen Bundesstraße vergleichen kann. Nach rechts, oder geographisch korrekt: nach Osten, führt die Straße nach Ystad (50 Kilometer). Von dort werden wir mit dem Katamaran nach Bornholm übersetzen. Braune Schilder mit Fahrradsymbol und Richtungspfeilen leiten uns erst am Hafen entlang, dann durch Vorortstraßen, später durch ruhige Wochenendhaus-Siedlungen und Dörfer, deren Namen man aus dem Ikea-Katalog zu kennen meint, zum Beispiel Beddinge, Abbekas, Mossby.

Wir kommen zügig voran, denn das Gelände ist schön flach und der Wind weht von achtern. Kurz hinter Trelleborg sehen wir die Ostsee, die bis Ystad fast immer im Blick bleibt. Stichstraßen führen bis ans Wasser, bei gutem Wetter kann man hier picknicken. Für das Picknick muss man allerdings vorsorgen. Wer sich auf die Gastronomie verlässt, ist fast verlassen. Am frühen Nachmittag erreichen wir Ystad.

Info:

In Höhe Beddingestrand, etwa auf der Hälfte der Stecke, hört der Radweg auf und man muss auf der Straße weiterfahren. Es gibt keinen markierten Radweg, direkt neben einem rasen die Autos vorbei. Kurz vor Ystad fängt der Radweg wieder an und führt einen direkt zum Hafen.

Wallander hat kein Zimmer frei

Eigentlich wollten wir uns Ystad ansehen und hier übernachten, schließlich ist die Stadt berühmt wegen der schaurigen Verbrechen, die Kommissar Kurt Wallander im hiesigen Polizeipräsidium unter Einsatz von Leben und Gesundheit aufklärt. Glaubt man Wallanders Schöpfer, Henning Mankell, muss die Provinz Skåne (Schonen) voller Triebtäter, Serienkiller und anderer durchgeknallter Existenzen sein. Wie eine Hochburg des Verbrechens sieht Ystad aber gar nicht aus, eher wie eine Kleinstadt in Norddeutschland: kleine, meist backsteinerne Häuser, zwei Einkaufsstraßen, der schön restaurierten St. Marienkirche aus dem 13. und der alten Lateinschule aus dem 16. Jahrhundert. Beide sind als Baudenkmäler Teil der "Europäischen Straße der Backsteingotik" (www.eurob.org). Nicht mal Taschendiebe scheint es hier zu geben. Und ganz sicher heute kein Hotelzimmer. Die Unterkünfte sind wegen irgendeines Kongresses ausgebucht.

Im Wald, da sind die Biere

Also fahren wir mit der Abendfähre weiter nach Bornholm und telefonieren unterwegs Hotels und Pensionen ab. Beim dritten Anruf haben wir Glück, das Hotel Skovly in Sorthat, zirka acht Kilometer vom Fährhafen Rønne entfernt, hat Zimmer frei. Als wir 75 Minuten später in Rønne ankommen, ist es dunkel. Wir fahren zunächst auf der Hauptstraße Nr. 159 Richtung Hasle und biegen nach etwa drei Viertel der Strecke in einen Wald ab. Der schmale, feuchte Waldweg wird nur spärlich von unseren Fahrradleuchten erhellt. Weit und breit sehen wir kein Hotel. Haben wir die richtige Abzweigung genommen? Später erfahre ich, dass Skov (sprich Skau) auf dänisch Wald heißt. Logisch, dass sich das Hotel Skovly tief im Gehölz versteckt. Nach rund zwei Kilometern Fahrt sehen wir endlich ein beleuchtetes Schild durch die Bäume schimmern: Hotel Skovly. Mehr als ein warmes Zimmer und eine Dusche brauchen wir heute nicht mehr! Ein Bier vielleicht noch? Wir kaufen zwei Halbliterflaschen Bornholmer Bier und sind nach dem ersten Schluck süchtig. Das wird unser Tourgetränk!

Info

Auf Bornholms Hauptstraßen fahren die Radfahrer nur durch eine weiße Linie getrennt auf einem schmalen Streifen neben den Autos her. Macht nicht wirklich Spaß! Hotel Skovly: Doppelzimmer mit Frühstück zirka 880 dänische Kronen. Nyker Strandvej 40, 3700 Rønne, Telefon +45 5695 0784, Fax +45 5695 4823, Mail: info (Klammeraffe) hotel-skovly.dk www.hotelskovly.dk. Bornholmer Bier in verschiedenen Sorten: 0,5 Liter ca. 50 Kronen im Lokal, in Supermärkten im Gebinde günstiger.

Sonntag, 3. September: Ein Fisch macht Karriere

Sorthat - Hasle, 3 lausige Kilometer

Als ich gegen 9 Uhr erwache, gießt es in Strömen. Unser freundlicher Hotelwirt erklärt, es liege ein Sturmtief über der Insel, das bis Dienstag hier hängen bleiben soll. Das fängt ja gut an! Erst gegen Mittag lässt der Regen nach und wir riskieren die Weiterfahrt Richtung Hasle. Unterwegs lesen wir auf Schautafeln im Wald, dass man früher in der Gegend um Sorthat Kohle abgebaut hat. Sie war allerdings so schlecht, dass man Anfang des 20. Jahrhunderts die Förderung einstellte. Wir sehen auch mehrere Teiche, ehemalige Tongruben, die voll Wasser gelaufen sind.

In Hasle nehmen wir uns ein Zimmer in der Jugendherberge, die hier Danhostel heißt. Unser Quartier blickt auf eine Vergangenheit als deutsche Militärbaracke aus dem 2. Weltkrieg zurück. An den Sanitärräumen und der Elektrik hat sich seitdem nichts geändert. Neben dem Danhostel liegt die Museumsräucherei (Røgeri) mit zwei markanten Schornsteinen. Geräuchert wurde hier und in den vielen anderen Räuchereien der Insel überwiegend Hering. Die Stationen seiner Verwandlung vom einfachen Meeresbewohner bis zum zarten, goldgelb geräucherten "Sild" sind in der Røgeri ausführlich auf Schautafeln dokumentiert. Bis in die 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde die Heringsräucherei auf der Insel fast ausschließlich manuell betrieben. Heute wird der Fisch industriell verarbeitet und geräuchert, aber in beinahe jedem Ort auf Bornholm kann man die alten Røgerien noch besichtigen und dort günstig Fisch kaufen. Auch neben privaten Häusern sieht man häufig kleine Räuchereinrichtungen.

Info:

Vandrerhjem Hasle über www.danhostel.dk ? . Vorab anfragen, ob Zimmer frei sind. Wir haben für eine Übernachtung, Frühstück und Bettwäsche rund 500 Kronen bezahlt. Mit Jugendherbergsausweis ist es billiger, ohne ist der Preisunterschied zu günstigen Pensionen gering.

Montag, 4. September: Stormy Monday

Hasle - Jons Kapel - Hammershus - Sandvig, zirka 15 Kilometer

Jons Kapel

Schloß Hammershus

Schafe am Weg

Hurra, die Sonne scheint, aber von Westen bläst ein starker Wind. Genau in diese Richtung fahren wir zur Steilküste von Jons Kapel. Also treten wir kräftig in die Pedale. Unser Radweg führt direkt am Meer entlang, landseitig gesäumt von Weiden, wilden Apfelbäumen und Hagebuttensträuchern. Auf den Wiesen beugen sich Glockenblumen im Wind, zottige Schafe halten Siesta. Kurz hinter dem kleinen Hafen Teglkas steigt der Weg mit 22 Prozent Steigung bergan in einen Wald. Wir müssen die Räder abstellen. Bei Jons Kapel erhebt sich die Steilküste rund 60 Meter fast senkrecht aus dem Meer. Angeblich hat hier ein Einsiedler namens Jon vor langer Zeit den Eingeborenen das Evangelium gepredigt. Wohl eher gebrüllt, denn bei den Wellen, die im Sturm gegen die Felsen donnern, versteht man sein eigenes Wort nicht. Über eine steile Treppe gehe ich hinunter zum Meer. Jedes Mal, wenn die Wellen auf die Granitfelsen treffen, bebt die Erde leicht.

Ein Schloss im Sturm

Auf Serpentinen radeln wir die Steilküste wieder hoch Richtung Vang. Teils fahren wir auf der Straße Nr. 159. Wegen des starken Verkehrs ist sie aber nicht zu empfehlen. Durch das liebliche Finnedalen und weiter durch ein Waldgebiet gelangen wir nach Slotslyngen, zu deutsch Schlossheide. Zur Feier unseres Besuches blüht das Heidekraut leuchtend lila, dazwischen lassen sich Granitfelsen die Sonne auf die von der Eiszeit rund gehobelten Buckel scheinen. Der Weg führt bergauf und an seinem Ende finden wir das passende Schloss zur Heide: Hammershus. Angeblich ist es die nördlichste Burgruine Europas. Sicher aber die am meisten vom Sturm umtoste. Die Festung steht in rund 70 Metern Höhe frei auf einem Hügel und der Westwind erreicht hier oben gefühlte Orkanstärke. Vom 10. bis 17. Jahrhundert haben hier oben Fürsten auf die Steuereinnahmen aufgepasst und sich den Wind um die adeligen Nasen wehen lassen. Unterhalb der Burgruine befindet sich eine kleine Ausstellung mit Fundstücken aus der Burg. Und die Burg selbst, verkleinert im Maßstab 1:10 und in der Mitte längs aufgeschnitten, so dass man hindurch gehen und die Aktivitäten der Burgbewohner auf den verschiedenen Etagen betrachten kann. Kurz gefasst wurde unten Wäsche gewrungen, oben Minne gesungen.

Wir fahren rund zwei Kilometer bis Sandvig und finden in Grethas Pension Quartier. Abends wollen wir essen gehen. Aber in Sandvig herrschen, wie überall in der dänischen Provinz, arbeitnehmerfreundliche Ladenschlusszeiten. Auf der Insel schließen fast alle Restaurants und Kneipen gegen 20 Uhr, gegen 18 Uhr die Supermärkte. Und wir gucken in die Röhre.

Info:

Grethas Pension, kleine Ferienwohnungen mit Küchenzeile, Nygade 7, DK-3770 Allinge-Sandvig, Tel: 0045 56481010, Fax 0045 56481889, info (Klammeraffe) grethaspension.dk, www.grethaspension.dk, um 300 Kronen pro Person incl. Frühstück.

Dienstag, 5. September: Kunst & Kühe

Sandvig - Allinge - Olsker - Helligdomsklipperne - Gudhjem, zirka 15 Kilometer

Es scheint sich vorerst ausgeregnet zu haben. Bei strahlendem Spätsommerwetter radeln wir zwei Kilometer bis Allinge, einem Hafenstädtchen mit netter Einkaufszeile am Hafen. Hier fällt mir das dänische Design zum ersten Mal auf. Es begegnet mir auf der Insel noch öfter. In Boutiquen, Glasbläsereien, bei Kleidung, Möbeln, Geschirr und Wohnaccessoires: Das "kleinste Gemeinsame" sind die schlichten Formen, die grafischen Muster und die natürlichen Materialien - Wolle und Leinen statt Polyester, Glas statt Kunststoff, Holz statt Pressspan. Neben modernen Stücken in schlichten, edel aussehenden Designs gibt es überall Trödel, Kitsch und Antiquitäten zu kaufen. Die Dänen mischen Neues und Altes ganz locker und das Ergebnis sieht immer gut aus. Wie machen die das? Wenn ich Omas Kaffeekanne neben ein Paar Designer-Kerzenhalter stelle, sieht das aus, als hätte ich die Nacht vorher einen üblen Alptraum gehabt.

Schießscharten im Gotteshaus

Wir fahren weiter bis Olsker, rund fünf Kilometer landeinwärts von Allinge entfernt. In Olsker steht eine der fünf Rundkirchen Bornholms. Ihr Name geht zurück auf den norwegischen König Olaf, der die Kirche im 10. Jahrhundert als Wehrkirche gebaut hat. Sie hat einen schlichten romanischen Taufstein; Malereien aus der Spätgotik schmücken die Decke. Über eine Stiege klettern wir bis in die oberste Etage. Hier ist der Wehrgang, spärlich erleuchtet durch das Tageslicht, das durch schmale Schießscharten fällt.

Ein Bach im Museum

Wir satteln wieder auf und fahren hügelauf, hügelab Richtung R?. An den Sträuchern und Bäumen am Wegrand nicken reife Hagebutten, Vogelbeeren und Rotdornfrüchte im Wind. Von R? radeln wir etwa zwei Kilometer in Richtung Helligdomsklipperne zum Bornholmer Kunstmuseum. Ein moderner, weißer Bau zwischen sattgrünen Weiden. Ich kenne kein anderes Museum, das Kühe als Nachbarn und ein Bächlein im Innenbereich hat. Es plätschert in einer schmalen Rinne neben der Treppe, die von der Eingangshalle ins Untergeschoss führt. Große Fenster in den Ausstellungssälen lassen das Tageslicht herein. Das Museum stellt Gemälde verschiedener Kunstepochen von Künstlern aus, die entweder gebürtige oder Teilzeit-Insulaner waren. Auch Glas- und Keramikkunst wird präsentiert. Zurzeit wird eine Keramik-Biennale vorbereitet. Bornholm hat als Künstlerinsel Tradition.

Info:

Bornholm Museum, Helligdomsklipperne. Eintritt 50 Kronen

Museum

Jeder ist ein Künstler

Nach dem Kunstgenuss ist es Zeit, Quartier zu machen. Über den Radweg Nr. 10 fahren wir rund drei Kilometer nach Gudhjem. Das Fahren ist unangenehm, denn der Radweg liegt an der viel befahrenen Landstraße Nr. 158. In Gudhjem geht es durch schmale Straßen steil abwärts. Jantzens Hotel, in einem großen, gemütlich aussehenden Haus aus dem Jahr 1872 etabliert, wird unser Nachtquartier. Drinnen staunen wir: Auf den Fluren und in den Zimmern hängen Gemälde, Collagen, Reliefs, auf Truhen und Kommoden stehen Skulpturen. Jedes Zimmer hat durch die Kunst seinen eigenen Charakter. Sind wir hier in einer Galerie, in der man zufällig auch übernachten kann? Ja, er sammle Kunst, sagt Hotelbesitzer Andi Schmidt. Er habe viele Künstler als Freunde, er suche Kunst auf Flohmärkten und bei Haushaltsauflösungen. Seine Fundstücke hängt er im Hotel auf. Zum Abschied am nächsten Morgen empfiehlt uns Andi ein Quartier bei einer Kunstfreundin in Svaneke. Schade, dass wir schon los müssen!

Info:

Jantzens Hotel, Andi Schmidt, Bröddegade 33, Doppelzimmer mit Frühstück rund 900 Kronen, Vermietung von Mai bis zirka Ende September, Tel. 0045 56 48 50 17, Fax 0045 56 48 57 15, jantzenshotel@mail.dk

Mittwoch, 6. September: Kitsch, Karamellen und ein alter Freund

Gudhjem - Österlars - Svaneke, zirka 9 Kilometer

Ziel unserer heutigen Etappe ist Svaneke, angeblich die kleinste Stadt Dänemarks. Wir fahren zunächst landeinwärts bis zur Østerlarskirke, (Lars = St. Laurentius) der größten Rundkirche Bornholms. Hier steht das Taufbecken unter dem mächtigen Mittelpfeiler, romanische Wandmalereien zieren die Wände. Wir fahren weiter, zunächst südlich in Richtung des zentralen Waldgebietes "Almindingen", dann östlich über Østermarie bis Svaneke.

Highlife im Bonbonladen

Bonbonfabrik

Es ist früher Nachmittag, als wir auf den Torv, den zentralen Platz, von Svaneke einbiegen. Hier ist endlich mal was los. Touristen bevölkern die Cafés rund um den Platz, Schulklassen drängeln sich bei "Svaneke Bolcher", einer alten Bonbonfabrik, in der man handgemachte Bonbons in allen Farben und Geschmacksrichtungen kaufen kann. Die Spezialität des Hauses sind Bonbons mit eingearbeitetem Firmenlogo. Mehrmals am Tag wird dem Publikum die Kunst der Bonbonherstellung vorgeführt. Eben hat eine Vorführung begonnen, die sehen wir uns an. Die Arbeit mit der dicken Karamellmasse erfordert Kraft. Immer wieder wird sie durchgewalkt, gerollt und gezogen, bis schließlich eine dicke Rolle entstanden ist. Auf zwei sich drehenden, kegelförmigen Walzen wird die Karamellrolle langsam zu einem nur noch fingerdicken Strang ausgerollt. Der Bonbonmacher zieht kräftig an dessen vorderem Ende und führt es durch die Öffnung einer Schneidemaschine. Die zwickt von der Karamellwurst gleichmäßig große Stücke ab. Anschließend darf das Publikum verkosten.

Noch mehr Künstler

Nach der süßen Pause suchen wir unser Quartier in Nansens Gard, einem alten Kaufmannshof aus dem Jahr 1765. Er liegt nur wenige Schritte vom Torv entfernt, im Nachbargebäude, dem "Blauen Haus" befindet sich eine Galerie für Keramikkunst. Dina Holm, die Besitzerin, empfängt uns und ist hoch erfreut, dass Andi uns zu ihr geschickt hat. Bevor Dina Nansens Gard übernommen hat, lebte hier ein Künstler. Dina hat seine Hinterlassenschaft mit Schätzen vom Flohmarkt, von Freunden, aus Haushaltsauflösungen erweitert. Wie Andi hat auch Dina ihre Quellen. Sie vermietet nur einige Zimmer im ersten Stock ihres weitläufigen Hauses, Klo und Dusche müssen sich die Gäste teilen. Wir sind trotzdem entzückt von den 50er-Jahre-Betten und -Lampen in unserem Zimmer, den gehäkelten Handtüchern, den Nippes und Bildern im Flur. Gefrühstückt wird im großen Salon zwischen riesigen Blumengemälden von blütenweißem, altem Leinen und antiquiertem Hotelporzellan.

Info:

Nansens Gard, Dina Holm, Borgergade 1 neben dem Blauen Haus, einige Privatzimmer, Doppelzimmer mit Frühstück rund 650 Kronen, Vermietung von Ostern bis Anfang September, im Sommer voll. Telefon 0045 56 49 61 70, www.net-bb.dk

Überraschung in der Kirche

Spätnachmittags bummeln wir durch den Ort. Die Cafés und Geschäfte haben geschlossen, der Ort liegt wie ausgestorben da. Es beginnt zu nieseln, wir stellen uns in der Kirche unter. Wie fast alle evangelisch-lutherischen Kirchen im Norden ist die Kirche von Svaneke sehr schlicht. Von der Decke hängt ein schönes Votivschiff. Aus lauter Langeweile studieren wir zwei Tafeln, auf denen alle Pastoren dieser Gemeinde seit Gründung der Kirche verzeichnet sind. Zurzeit tut hier ein gewisser Hans Nissen Dienst am Nächsten. Inge stutzt: Einen gleichnamigen Theologiestudenten hat sie vor mehr als dreißig Jahren auf einer Urlaubsreise kennen gelernt. Das Geburtsjahr auf der Tafel stimmt mit dem ihres Jugendfreundes überein. Ist er's oder ist er's nicht?

Info:

Bonbonfabrik www.svanekebolcher.dk

Bryghuset: Brauerei, in der das Bornholmer Bier gebraut wird. Im rustikalen Brauereigasthof kann man es gleich trinken und was Handfestes dazu essen, Kolonialwarengeschäft mit antiker Einrichtung, Glasbläsereien, Boutiquen mit Mode aus Leinen und Wolle.

Donnerstag, 7. September: Wienerbrød beim Pastor

Wir bitten Dina, uns im "Fall Hans" zu helfen. Sie telefoniert mit dem Pfarrbüro, eine halbe Stunde später kommt ein Anruf für Inge. Sie stürzt zum Hörer, Dina und ich stellen die Ohren auf. Ja, er ist es! Um 14 Uhr sitzt Pastor Hans dann leibhaftig in Dinas Wohnzimmer und kann sich vor Freude kaum fassen, dass er seine alte Jugendfreundin nach so vielen Jahren wiedersieht. Der geht's genau so. Ich sitze daneben und fühle mich wie der Anstandswauwau. Für den Abend lädt Hans uns ins Pfarrhaus nach Ibsker (St. Jakobus) ein und dort verbringen wir einen unterhaltsamen Abend mit Hans und seiner Frau Lisbeth bei Tee und Wienerbrød. Das ist eine süße Schweinerei, die man in Norddeutschland als "Kopenhagener" kennt. Spät am Abend verabschieden wir uns herzlich und müssen versprechen, im nächsten Jahr wiederzukommen.

Freitag, 8. September: Dickes Ende

Wir müssen heute nach Rønne zurück, denn morgen früh wollen wir von dort nach Ystad übersetzen, weiter nach Trelleborg radeln und uns abends auf der "Peter Pan" zurück nach Deutschland einschiffen. Das heißt heute für uns: einmal die Insel in Längsrichtung nach Westen durchqueren (rund 30 - 35 Kilometer). Und genau aus dieser Himmelsrichtung weht ein kräftiger Wind. Die Böen fegen über das offene Land, kaum, dass ein Wäldchen oder eine Siedlung einmal Windschatten geben. Die Strecke führt über etliche lang gezogene Steigungen. Mein erster Gang ist an seinen Grenzen. Ich bin es irgendwann auch, immer wieder muss ich absteigen und das Rad schieben. Erschöpft vom ständigen Fahren gegen den Wind kommen wir spätnachmittags in Rønne an. Wenigstens gibt es hier mehr als ein Lokal und alle haben auch nach 22 Uhr noch auf.

Info:

Zunächst auf dem Radweg Nr. 10 an der Küstenstraße entlang bis Nexø. Hinter Nexø erst der Radwegebeschilderung nach Aarkirkeby folgen (Radweg Nr. 21), dann bei Østervang / Lovhøj dem Pederskervej in den Ort Pedersker folgen. Den gerade durchfahren, links liegen die Kirche und eine schöne Windmühle. Ab Pedersker noch rund 20 Kilometer durch's wellige Land Richtung Rønne.

Sonnabend, 9. September und Sonntag, 10. September:

Südschwedischer Spätsommer

Tags darauf liegen noch die 50 Kilometer von Ystad nach Trelleborg vor uns. Nach dem Kampf gegen den Wind gestern befürchte ich das Schlimmste, zumal wir weiter gen Westen fahren müssen. Doch der Wind ist abgeflaut, die Sonne scheint und das Meer glänzt so friedlich, dass wir einige Male zum Wassersaum hinunterfahren, Picknick machen und uns sonnen.

Am nächsten Tag legt die "Peter Pan" früh morgens in Travemünde an. Über dem Hafen liegt noch Nebel, die Luft ist frisch. Am Bahnhof trennen sich unsere Wege nach neun Tagen gemeinsam durchlebter - und hin und wieder durchlittener - Insel-Rundtour. Ich nehme den Zug nach Hamburg, vertäue das Fahrrad im Zug - und wundere mich. Wieso fahre ich so schnell? Wieso steht das Rad neben mir? Ich muss wieder auf den Sattel!

Fazit

Vorwärtskommen: Bornholm ist für selbst organisierte Radtouren sehr gut geeignet. Wenn man etwas sehen und Abstecher ins Inselinnere machen will, sollte man rund fünf Tage einplanen. Während unserer neuntägigen Genussreise sind wir recht gemütlich gefahren. Bornholm verfügt über ein gut ausgebautes und gut beschildertes Radwegenetz. Etliche Radwege, darunter der Insel-Radrundweg, führen allerdings an stark befahrenen Straßen entlang und dort gibt es keine ausgewiesenen Trassen für Radfahrer. Wir haben diese Verbindungen möglichst vermieden. Die Insel ist nicht ausschließlich flach, die Steigungen sind mit einer 7-Gang-Schaltung wie an unseren Rädern aber gut zu meistern (wenn der Wind nicht gerade stundenlang von vorn bläst).

Unterkommen: Die Nachsaison ist für Radreisen empfehlenswert. Das durchwachsene Wetter im Spätsommer 2006 soll ein Ausreißer gewesen sein, wie uns die Insulaner versichert haben. Anfang September haben die meisten Quartiere noch geöffnet, mit ein bisschen Rumfragen findet man immer einen Schlafplatz, allerdings muss man flexibel sein - heute Hotel, morgen Jugendherberge. Bei Jugendherbergen und preiswerten Pensionen konkurriert man im September mit Schulklassen. Dank des reichlichen, guten Frühstücks in allen Unterkünften konnten wir unsere Tagesetappen immer gut gestärkt antreten.

Bloß nicht kommen sollte, wer einen Billigurlaub verbringen will. Skandinavien ist teuer, besonders der Alkohol. Auch wer abends Highlife sucht, ist hier falsch. In der Nebensaison haben nicht mehr alle Lokale auf. Spät-Shopper bekommen gegen 18 Uhr die Ladentür vor der Nase zugeschlossen. Dafür haben die Supermärkte auch sonntags geöffnet.

Gut ankommen bei den Leuten: Man trifft überall auf freundliche Menschen und die meisten sprechen Deutsch. Begrüßt wird man mit "Hej", zum Abschied verdoppelt zu "Hej, hej", zwischendrin duzt man sich. Der Umgang miteinander ist unkompliziert und höflicher als in Deutschland. Man bedankt sich zum Beispiel häufiger als bei uns. Also, schon mal üben: "Tak" und "Mange tak".

Bloß nicht vergessen

Ein paar unverzichtbare Teile, die der Radlerin die Tour erleichtern:

Info & Co.

Über die Autorin:

Klaudia Gottheit (1960), Hamburg: Mein erstes Fahrrad habe ich im Alter von acht Jahren bekommen und bin seitdem nur ausnahmsweise vom Sattel gestiegen. In Hamburg fahre ich ausschließlich mit Rad & Bahn und das klappt sehr gut. Vor ein paar Jahren habe ich angefangen, auch Urlaub mit dem Rad zu machen und baue das nach und nach aus.