Home »» Reiseberichte »» Westeuropa »» Belgien

Belgien und Niederlande im November

Karl Brodowsky 2012

Hier geht es mehr um meine aktuellen Erfahrungen mit den Niederlanden und Belgien als Radfahrer. Es war eine Geschäftsreise mit dem Fahrrad, aber über diesen Aspekt habe ich für eine Reise in November 2014 mehr geschrieben.

Hier ganz kurz: Ich bin mit dem Nachtzug von der Schweiz nach Düsseldorf gefahren. Von dort ging es in Richtung Roermond. Es gab ein Frühstück in einem Café unterwegs und nur kurze Pausen. Die Fahrt nach Roermond war ein Gebastel, weil man als Fernstraße nur eine Autobahn vorgesehen hatte und alle anderen Straßen ein Gebastel waren. Eigentlich waren es N 7, N 57 und N 230, aber die waren ziemlich zerbastelt worden und auch nicht mehr gekennzeichnet. Ich kam durch Roermond und fuhr dann so leicht nach West-Süd-West bis Lommel in Belgien. Dann ging es auf einer vierspurigen Nationalstraße an Mol vorbei nach Geel. Ab da beschloss ich, am Albert-Kanal zu fahren, und kam bis Antwerpen. Das waren bis zum Hotel so gut 220 km.

Mittwoch, Donnerstag und Freitag war die Konferenz Devoxx.

Freitag Nachmittag ging es schon weiter. Ich fuhr durch die nördlichen Stadtteile von Antwerpen und kam auf die Nationalstraße N 1 und später auf den N 117, die bald an die Grenze führten. Direkt an der Grenze gab es ein Fahrradverbot. Ja, man durfte irgendwo fahren, das war ein kleines Sträßchen, das in die völlig falsche Richtung führte und mit vielen Kilometern Umweg irgendwo in Roosendaal, wo ich hinwollte, ankam. Ab hier war es ein Gebastel bis zu der Brücke über den ersten großen Rhein- oder Maasarm. Die Brücke war ok, man hatte Autobahn und Nationlstraße gebündelt, auch kurz danach, aber dann ging das Gebastel wieder los. Irgendwann kam ich auf die N 489, die in Richtung Rotterdam führte. Sie hatte einen Radweg, aber jede noch so kleine Querstraße hatte Vorfahrt vor dem Radweg. Es wurde ein Flussarm oder Kanal unterquert. Es gab Röhren für die Autobahn, eine weitere für Traktoren, die für Radfahrer gesperrt war. Und eine vierte für Fußgänger und Radfahrer, mit Rolltreppen. Da war ich lieber als Traktor unterwegs. Rotterdam war wieder ein Riesengebastel. Irgendwann kam ich nach Delft. Ein sehr hübsches Städtchen.

Der nächste Tag führte mich nach Den Haag. An Kanälen kam man gut von Delft bis zum Stadtrand. Aber dann war es wieder ein Gebastel, da durchzukommen. Irgendwann landete ich wieder an einem Kanal mit einem Radweg und kam so nach Leiden. Ich wollte nun die küstennahe N 202 benutzen, aber auch die hatte Fahrradverbote und war eine Kraftfahrstraße. Erst kurz vor Haarlem wurde sie eine normale Straße. Von Haarlem nach Ijmuiden gab es so eine vierspurige Straße mit extrem vielen Ampeln, die immer für Radfahrer extra viel rot sind. So fördert man den Autoverkehr systematisch. Oder als niederländischer Radfahrer fährt man mit vollem Tempo über Kreuzungen mit roten Ampeln. Das lernt man bei dieser Schikanierung so, haben mir niederländische Radfahrer erzählt. In Ijmuiden überquerte ich den Nordseekanal (niederländisch: Noordzeekanaal) bei den Schleusen. Auf der ganzen Länge gibt es sonst keine Brücke, erst im Osten von Amsterdam wieder. Aber es gibt über zehn Tunnel, ein paar für die Bahn und sehr viele für Autos, aber alle mit Fahrradverbot. Für Radfahrer hat man nur so eine behelfsmäßige Querungsmöglichkeit mit Fähren vorgesehen. Amsterdam durchquerte ich überwiegend in weniger heiklen Nordosten, also nördlich des Kanals. Die Nordseite des Kanals und Amsterdam waren ein Gebastel, aber es ging etwas besser als Rotterdam und Den Haag. Ich kam über die einzige Brücke und landete irgendwann am Kanal nach Utrecht. Dem folgte ich ein Stück, wegen Bauarbeiten war der Uferweg aber ein Stück weit zu. Dann kam ich auf eine Autobahn, die auf der Service-Road für Radfahrer freigegeben war und in Richtung Amersfoort führte. Mal ging das so, mal war Gebastel angesagt, wenn die Service-Road aufhörte oder unterbrochen war, sei es wegen Bauarbeiten, sei es wegen beengter Platzverhältnisse in Orten oder sei es einfach so. Abends kam ich nach Amersfoort und übernachtete da.

Von Amersfoort nach Arnheim (niederländisch Arnhem) wurde es etwas besser. Zeitweise hatte ich normale Nationalstraßen, wenn auch mit Radweg, zeitweise waren Abschnitte mit Fahrradverboten, die ich für übertrieben hielt und ignorierte. Arnheim selbst war ein Gebastel. Danach kam ich an einer Bahnstrecke voran, aber der Radweg war vorfahrtsmäßig so benachteiligt gegenüber Querstraßen, dass kein richtig flüssiges Fahren aufkam. Angeblich soll aber genau diese Route zu einer Express-Route für Radfahrer ausgebaut werden und dann Brücken oder wenigstens Vorfahrt gegenüber den Querstraßen erhalten. Etwa auf halbem Weg zur Grenze kam ich wieder auf die Nationalstraße. Zur Grenze hin wurde die Nationalstraße ein sehr kleines Sträßchen. Sie war nur einspurig. So setzt man in den Niederlanden eine deutsche Nationalstraße fort, an vielen Orten ist es so. Oder es kommt direkt an der Grenze ein Fahrradverbot.

In Deutschland war alles einfach. N 8 ("Bundesstraße 8") einfach immer geradeaus bis zum Stadtrand von Duisburg. Nicht perfekt, aber gut. Am Stadtrand von Duisburg rauchte mein Fahrrad ab. Der Reifen war platt und es lag nicht am Schlauch sondern am Mantel. So nahm ich für die letzten 15 km die Straßenbahn und dann ab dem Hbf den Nachtzug zurück.

Mein Wissen über die Niederlande stammt also nicht aus den 80er Jahren, sondern ich war vor kurzem auf dieser Geschäftsreise in Belgien und habe Fahrrad und Zug so kombinieren können, dass die Wege dorthin und zurück es keine Arbeitstage in Anspruch genommen haben, die ich bei reiner Zugfahrt nicht für die Fahrt gebraucht hätte. Hinzu kam ein Streik in Belgien, den ich damit umgehen konnte. Ich würde also sicher keine Ferien investieren, um in die Niederlande zu fahren, da finde ich z.B. Skandinavien und das Baltikum einfach interessanter, aber so war ich nun doch trotzdem gut 700 km in den Niederlanden, Belgien und Deutschland unterwegs. Aufgrund der Diskussion von vor einem halben Jahr habe ich mich bemüht, mir ein aktuelleres Bild von den Niederlanden zu verschaffen, denn es kann sich ja etwas seit den 80er Jahren verändert oder sogar verbessert haben. Marginale Verbesserungen habe ich gesehen, weil man anfängt, in manchen Fällen Radstreifen statt separaten Radwegen anzulegen, was es in den 80er Jahren nicht gab. Und es gibt einen kleinen Teil von Kreiseln, wo Radwege vorher zu Randstreifen werden und als solche durch den Kreisel laufen. Man soll zwar in der Mitte der linken Spur fahren und nicht an deren rechten Rand. Aber das ist in dem Fall zumindest machbar. Wenn man dagegen den Fehler macht, auf einer kreiselreichen Strecke einen Radweg zu benutzen, kann es passieren, dass man nicht rechtzeitig vor dem Kreisel auf die Fahrbahn wechseln kann und dann hat man eine sehr gefährliche Kombination. Ähnlich schwierig war es beim Linksabbiegen, wo es oft schwierig war, von einem Radweg auf die Fahrbahn zu wechseln. Überhaupt kommt es oft vor, dass Radwege scheinbar straßenbegleitend sind, dann aber unvermittelt und ohne Verbindung zur Fahrbahn abbiegen und zu einem völlig anderen Ziel führen als die Straße. Das Muster gibt es auch anderswo, ich kenne es aus Schweden, Norwegen, der Schweiz und Deutschland, aber in den Niederlanden ist es besonders häufig anzutreffen, zum Teil mit einem kaum überwindbaren Wassergraben dazwischen.

Also zu der vielgelobten Trennung von Verkehrsarten: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die in den Niederlanden häufig praktizierte Trennung durch straßenbegleitende Radwege das Radfahren gefährlicher macht. Siehe dazu

Diese Trennung findet aber in den Niederlanden sehr häufig dadurch statt, dass eine Straße für Radfahrer gesperrt wird und es eine mehr oder weniger offensichtliche Parallelstraße gibt, die meistens auch für Autos zugelassen ist, wo Radfahren nicht verboten ist. Eine Trennung wäre es nur, wenn dort auch konsequenterweise ein Auto- und Motorradverbot gelten würde, aber das ist jetzt nicht das Hauptthema.

Schauen wir uns mal die Wege an, die bei dieser Trennung für Autos und für Radfahrer herausspringen:

Autos bekommen gut asphaltierte Wege mit wenigen bis gar keinen Ampeln, keinen Fähren, die direkt und ohne große Umwege verlaufen, die keine Hindernisse und kaum bauliche Gefahrenpunkte enthalten und die gut ausgeschildert sind.

Radfahrer bekommen Wege mit sehr wechselhafter Asphaltqualität, selten Pflastersteine aber oft Pflasterung mit Ziegeln (aber nie unbefestigte Wege, das muss ich sagen), die sehr viele Ampeln und zum Teil Fähren aufweisen, haben oft Umwege, haben oft Verkehrsberuhigungshindernisse und unübersichtliche Kurven, haben oft keine Vorfahrt, wo die parallel verlaufende für Radfahrer gesperrte Straße 20 m weiter Vorfahrt hat und sind schlecht bis gar nicht ausgeschildert. Es gibt manchmal diese roten Wegweiser, aber die zeigen oft nur auf sublokale Ziele, während auf den blauen Wegweisern der Fahrradverbotsstraße auch überregionale Ziele und vor allem Straßennummern, die extrem hilfreich sind, ausgewiesen sind. Außerdem sind diese roten Wegweiser nur an der Verzweigung selbst vorhanden und nicht bei vollem Tempo ablesbar, schon gar nicht bei Dunkelheit, während die blauen Straßenwegweiser schon ein paar hundert Meter vor der Kreuzung oder Abfahrt die Möglichkeiten ankündigen und auch an der Verzweigung selbst groß genug und lesbar genug sind.

Das mit den Wegweisern wäre natürlich verbesserbar, und würde viel helfen, aber selbst dann wären diese getrennten Wege für Radfahrer in 90% der Fälle schlechter als diejenigen, die den Radfahrern vorenthalten werden. Und ja, in störendem Maße schlechter, nicht eine Ampel oder eine negative Vorfahrt alle 20 km oder so.

Es gibt immer mal wieder Strecken, wo man mal eine längere Strecke geradeaus fahren kann und auch vorankommt, wenn ein Radweg oder eine Straße ohne Fahrradverbot einen Kanal, eine Bahnstrecke, eine Autobahn oder eine Nationalstraße mit Fahrradverbot begleitet, aber meist ist das suboptimal gelöst, weil alle paar Kilometer Hindernisse und Schikanen auftreten, die zum Teil unnötig wären, wenn man diese Straße ohne Fahrradverbot konsequent zur Vorfahrtsstraße machen würde und vielleicht mal ein paar Brücken bauen würde. Gibt es aber selten, meist hat man stattdessen Umwege, Ampeln, Wechsel auf die andere Seite, Umwege durch Ortsdurchfahrten u.s.w. Beim Noordzeekanal ist es tatsächlich so, dass es etwa 10 Tunnel für Bahn und Autos gibt, aber nur in Ijmuiden bei der Schleuse und im Osten Amsterdams bei einer Brücke eine fährenfreie Querungsmöglichkeit ohne Fahrradverbot. Ein paar Fähren gibt es, die sogar zur Zeit gratis sind, aber das dauert doch lange und ist für ein modernes Verkehrsmittel nicht wirklich eine brauchbare Möglichkeit, auch wenn es im Einzelfall schneller sein kann als der Umweg über die beiden fährenfreien Querungen.

Ein häufiges Muster in den Niederlanden ist auch, dass man Autobahnen auf der Trasse der vorher bestehenden Nationalstraßen gebaut hat, was auch in Deutschland leider vorkommt, und dass man beim Bau von Autobahnen darauf verzichtet, die Brücke für die bestehende Straße ohne Fahrradverbot zu bauen, so dass Radfahrer hier oft große Umwege machen müssen. Ein Beispiel war gleich hinter der Grenze zwischen Düsseldorf und Roermond. Es gab auf beiden Seiten der Grenze eine vierspurige Kraftfahrstraße oder Autobahn und eine nicht gekennzeichnete Nationalstraße ohne Fahrradverbot südlich davon. Kurz vor Roermond ist eine Autobahn parallel zur Grenze von Süden nach Norden gebaut worden und die Nationalstraße ist dort unterbrochen worden. Man muss einen recht großen und gefährlichen Umweg mitten durch die Stadt von Roermond nach Süden machen, obwohl es eigentlich sinnvoll wäre, diese Stadt nur in ihren nördlichen Rändern zu durchfahren, denn später ist die Maasbrücke wieder im Verlauf der ehemaligen Nationalstraße.

Eine Korrektur muss ich anfügen gegenüber früheren Aussagen. Es gibt in den Niederlanden heute durchaus Nationalstraßen ohne benutzungspflichten Radweg und ohne Fahrradverbot, wie es eigentlich der Normalfall sein sollte. In einem Fall war der Radweg mit dem Wort "Fietspad" statt dem runden Schild markiert und damit explizit nicht benutzungspflichtig. Aber dies kommt bei Nationalstraßen selten vor und ist eher bei kleineren Straßen anzutreffen, die sicher schön zu fahren sein können, die aber meistens nicht zielführend sind, wenn man weit fahren will. Und ich finde, ihr solltet endlich mal akzeptieren, dass es Leute gibt, die mit dem Fahrrad weit und auch schnell fahren wollen und dass das ein legitimes Anliegen ist.

Ich habe nichts gegen Radwege an Bahnstrecken und an Kanälen und mit etwas mehr Aufwand könnte man sie richtig gut machen, also schnell und hindernisfrei befahrbar, was selten der Fall war. Ich habe auch nichts gegen die gelegentlich vorhandenen Radwege, die auf einer eigenen Trasse durch Randgebiete von Städten führten und gegenüber kleineren Straßen Vorfahrt hatten und größere Straßen unterquerten. Ich bin nur nicht bereit für diese Dinge den Preis zu zahlen, dass es dermaßen viele Fahrradverbote gibt und dass es dermaßen viele benutzungspflichtige Radwege gibt.

Kurz gesagt, das Gesamtbild ist negativ und wenn ich die postiven und negativen Aspekte gegeneinander abwäge, würde ich die Niederlande weiterhin als eines der fahrradfeindlichsten Länder in Europa bezeichnen, sogar als das fahrradfeindlichste. Ich mag einfach Fahrradverbote überhaupt nicht.

Nun, was haben die Niederländer dazu gesagt? Ich denke, dass es durch die ständige Berieselung eine Art Gehirnwäsche gegeben hat, ähnlich wie bei uns in der Frage des Fahrradverbots auf Autobahnen, die dazu führt, dass sich die Leute das Fahren auf der Fahrbahn nicht so gut vorstellen können. Dass das weitgehend ein Irrtum ist, habe ich am Anfang schon geschrieben, aber es dauert wohl lange, bis sich das herumspricht. Fast alle haben aber zur Kenntnis genommen, dass Radfahrer insgesamt massiv gegenüber Autofahrern benachteiligt werden, haben es aber vielleicht weniger schlimm gefunden wie ich.

Mein Fazit: Ich möchte nicht, dass die Niederlande so pauschal als Vorbild für die Fahrradverkehrspolitik genommen werden, das bringt nur Fahrradverbote und damit Verschlechterungen. Ich habe aber natürlich nichts dagegen, wenn man selektiv einzelne gut gelungen Projekte anschaut und bei uns etwas ähnliches umsetzt, wie zum Beispiel gut asphaltierte Radwege an Kanälen oder Bahnstrecken. Dass das Gesamtbild der Niederlande nicht so gut ist, halte ich für eine wichtige Erkenntnis, um uns ein wenig vor noch exzessiveren Fahrradverboten zu schützen.

Für die Fahrt von der Grenze zwischen Arnheim und Emmerich bis zum Stadtrand von Duisburg war ich positiv überrascht. Die deutsche N 8 ("Bundesstraße") war einigermaßen gut fahrbar, hatte keine Fahrradverbote und wenige Ampeln. Duisburg selbst ist wiederum wie eine typisch niederländische Stadt, was das Radfahren betrifft.